Ausgabe 
28 (12.7.1868) 28
 
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an demselben Tische und wurden behandelt, als ob sie zum Hause gehörten. Man ge-brauchte sie auch gern zu Feldarbeiten. Es setzten sich gewisse Ueberlieferungen fest, dirGewohnheit, die Alles mildert, milderte auch und verwischte endlich ganz den Schreckenund Widerwillen, welche die Wahnsinnige» immer den Weibern und Kindern, manchmalauch den Männern einflößen. Die besten Methoden, diese Unglücklichen zu leiten, zupflegen und zu regieren, überlieferten sich von Geschlecht zu Geschlecht und gingen sogewissermaßen in's Blut über. Man versteht es eben, sie zu leiten und zu lenken. EinArzt sprach sich eines Tages zu einem Manne aus der Gegend besorgt über die Folgenaus, welche die Wuthanfälle, denen die Wahnsinnigen unterworfen sind, manchmalhaben könnten.Sie wissen nicht," antwortete der Bauer,wie es sich mit diesen armenLeuten verhält. Ich bin nicht stark, aber mit dem Wildesten werde ich leicht fertig."Wenn die Wahnsinnigen ihre Anfälle haben, überwältigt sie der Hausvater, von denNachbarn unterstützt, mit Leichtigkeit. Es leben in der Gemeinde Gheel und in den mitihr zusammenhängenden Weilern, an die Familien vertheilt, nahe an tausend Irrsinnige.Ein Frcnider, dem dies unbekannt wäre, könnte sich selbst lange hin und her ergehen,ohne zu merken, daß er sich in der Hauptstadt deS Wahnsinns befinde. Es geht hierscheinbar Alles so zu, wie in andern Dörfern; durchgehcnds herrscht hier die Einförmig-keit und Ruhe des Dorfes, daß ein Vorübergehender mit Grüßen und Lächeln überausverschwenderisch wäre, daß ein'Spaziergänger in Gedanken vertieft einherwandclte rc. rc.Aber diese Menschen mit den ungewöhnlichen Manieren haben nichts in ihrer Kleidung,Mas die besondere Aufmerksamkeit auf sich zöge; sie gleichen äußerlich ganz den übrigenBewohnern des Dorfes. So hat ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen eineColonie geschaffen, welche ohne eigentliches Bewußtsein seit undenklichen Zeiten die wahrenPrincipien der Heilkunst für Geisteskranke anwendet. Jene Principien sind als bewußteEntdeckung noch neu und machen den Namen Pinel unsterblich, der anf den uns heuteso einfach erscheinenden Gedanken kam, daß es, um kranke Phantasieen zu heilen, vielleichtnicht das beste Mittel sei, die Kranken fortwährend an ihre Krankheit zu erinnern, dasGefühl der Krankheit Tag und Nacht durch den Anblick grober Wächter, durch den Lärmder Ketten und Riegel zu verdoppeln; daß eine Behandlung, die einen gesunden undganz vernünftigen Menschen wahnsinnig machen müßte, offenbar nicht geeignet sei, einenwirklich Wahnsinnigen zu heilen. Er befreite daher die seiner Pflege anvertrautenGeisteskranken von allen Beschränkungen und ging daran, sie von der größern Zwangs-jacke von Stein, d. i. von den einschließenden Mauern zu befreien. Der Streit zwischenden Anhängern der geschlossenen Irrenhäuser und des Systems von Gheel steht geradejetzt in voller Blüthe.

(Ein origineller Schwindel.) Folgender interessanter Schwindel wurde voreinigen Tagen in Paris verübt. Bei einem Goldarbeitcr V. in Faubourg St. Germainfuhr eines Tages ein elegant gekleideter junger Mann, in elegantem Wagen und voneinem Diener begleitet, vor. Er hätte, sagte er, einige Gcburtstags-Geschenke zu machen.Bedienen Sie mich gut und gewissenhaft," bemerkte er,denn ich werde Ihr Nachbarmerden. Ich bin erst vor einigen Tagen mit meiner Familie hier angekommen; wirbleiben in Paris ; ich verheirathe mich nächstens und werde also ein guter Kunde vonIhnen sein!" Der Juwelier breitete Schmuckgegenstände aller Art aus; der junge Herrprüfte sie, verhandelte den Preis und traf seine Wahl. Auf sein Verlangen wurde dieRechnung geschrieben, die sich auf 3500 Francs belicf, und die ihm mit den Sachen zu-geschickt werden sollte. Darauf wollte er sich empfehlen, sich besinnend, bemerkte er jedoch:Apropos, ich brauche auch noch eine Stutzuhr für meine Mutter!" Er wählte solcheaus und sagte dann im Fortgehen:Ich erwarte Sie in einer Stunde!" Herr V.,von einem Commis begleitet, begibt sich zur bestimmten Zeit nach der bezeichneten Woh-nung; sie befindet sich iu der Bel-Etage eines vornehmen Hauses. Beide treten ein und