Ausgabe 
28 (26.7.1868) 30
 
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ihn im Namen Gottes betreten, und tröstende Empfindungen davon mitbringen. Michaber laß aus der Ferne diese düstere Ruhestätte Derer begrüßen, die ich am Meisten aufder Welt geliebt habe. Von Ferne laß mich Denen, die hier bestattet sind, mein An.denken weihen, und meine Gebete für sie zum Himmel senden.

Und mit Thränen in den Augen, mit zärtlich klopfendem Herzen sagte er mir dieNamen von mehr als hundert edlen Jünglingen, welche seine Gefährten waren in denSpielen der Kindheit und in den Hoffnungen der Jugend, welche einst der Ruhm undStolz dieser reichen edlen Stadt hätten sein sollen, und welche nun Alle in jenem blu-tigen, riesenhaften, aber heldenmüthigcn Bruderkrieg gefallen waren.

Wenn Alles schweigt am Ufer des Jbaizabal, fügte mein Freund bei, w^m nurdas Geschrei der Eule auf Mallona's Leichenhügel, und das Pfeifen des Windes in denBäumen am Gestade die Stille der Nacht unterbricht, dann treibt mich oft eine geheim-nißvolle Gewalt hinaus an den Rand des Muffes. Dann gedenke ich Derer, die inihrer Kindheit dort mit mir spielten, und jetzt in dieser Erde Schooß den Tag drr allge-meinen Auferstehung erwarten. Wenn ich dann das Auge nach Mallona's dunklem undeinsamem Hügel wende, so scheint es mir, wie wenn weiße, geflügelte Geister sich dortwiegen, und mit gcheimnißvoller, trauernder Stimme mir zurufen:Auch Du bistStaub, und wirst wieder zu Staube werden."

Die Stimmung meines Freundes hatte sich auch mir mitgetheilt. Ich ging nichtauf den Kirchhof, sondern zum Heiligthum von Bcgonna zurück.

Und warum, o Gott , ließest Du die weißen Geister, die sich über Mallona's Hügelwiegen, nicht emportauchen, um die arme Clemcntina an den Tag des Gerichts zuerinnern, damals, als das leichtgläubige Landmädchen jeden Morgen mit Sonnenaufgangbei diesem Hügel vorüberging, Begonna's kühlen Lauben zu, wo sie die Unschuld ihresHerzens lassen sollte?

Ja, jeden Morgen, wenn die Sonre über die Anhöhen von Gangurca emporstrahlte,schritt das Mädchen über den Krcuzplatz und erklomm die Anhöhe des Heiligthums.

In der Anlage vor der Kirche traf sie den jungen Mann, der zum ersten Malin ihrer Seele Träume von Glück erweckt hatte, die früher niemals den Frieden ihresHerzens störten.

Tag um Tag verging, und diese Zusammenkünfte dauerten fort. Das Mädchenvom Dorfe hörte Betheuerungcn der Liebe an, so süß und glühend, daß ihr schon dasOpfer ihres Lebens klein erschien, um der Liebe zu genügen, welche sie eingeflößt zuhaben glaubte.

So war sie auch eines Morgens bei ihrem Geliebten auf Begonna's Flur. AberDon Juan schien heute unruhig. Clcmentina fragre nach der Ursache, und er antwor-tete, daß er ihr heute ein wirkliches Opfer gebracht habe, indem er zu der Zusammen-kunft herbeigeeilt sei. Denn um die sechste Stunde des Morgens müsse er sich in derStadt einsenden, in einer höchst wichtigen Angelegenheit, bei welcher seine Ehre inFrage stehe.

Clementina beschwor ihn, augenblicklich zurückzukehren, als Don Juan, das Augenach dem Mallonahügel gewendet, plötzlich zusammenfuhr.

Die Uhr der St. Antons - Abtei schlug eben die Stunde, und diesem Umstandschrieb Elcmcntina das Erschrecken ihres Geliebten zu.-

Schon schlägt es sechs Uhr, und ich muß mich von Dir trennen, sagte Don Juanheftig. Morgen muffen wir uns sehen, aber nicht hier.

Und wo denn?

Auf der Höhe von Miraflorcs, um sechs.

Ich werde nicht fehlen.

Leb' wohl!

Lebe wohl!