Ausgabe 
28 (26.7.1868) 30
 
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Juan drückte seiner Geliebten die Hand, und schlug den Weg nach der Stadt ein,ohne in der Eile Clementinen zu erklären, warum er für den folgenden Tag ciuen andernOrt ihrer Zusammenkunft wünsche.

Clementina trat in die Kirche und hörte die Messe, während Juan auf seinem Wegeeiner schönen jungen Dame begegnete, welche er in dem Augenblicke, als die Uhr sechsschlug, von ferne hatte erscheinen sehen.

Sie weinte, als Juan ihr begegnete.

Wohin, mein Kind? fragte er sie.

Und woher kommst Du?

Aus der Messe in der Begonna-Kirche.

Und seit 14 Tagen gehst Du jeden Morgen mit Tagesanbruch zur Kirche?

Ja.

Und seit wann bist Du ein so guter Christ?

Das war ich immer.

O, Heuchler!

Und die Unglückliche sing auf's Neue trostlos zu weinen au.

Aber, Weib, was sollen diese Thränen?

Elender, Treuloser, so erfüllst Du Deine Schwüre, mich ewig, und niemals eineAndere zu lieben?

Aber wer sagt Dir denn, daß ich eine Andere liebe?

Genugsam sagt es mir mein Herz, Deine Gleichgiltigkeit, und das geheimnißvolleLeben, welches Du seit Wochen führest.

Ich schwöre Dir, daß meine frühen Gänge kein Geheimniß bergen. Morgen mußich, wie Du weißt, eine weite Reise unternehmen, für welche ich den Schutz der heiligenJungfrau angerufen habe.

Die Höhe von Miraflores liegt am östlichen Ende der Stadt, nahe bei dieser, ander Heerstraße nach Vitoria; auf ihr befindet sich eine schöne, mit Ruhebänken verseheneAnlage.

Am folgenden Morgen um sechs Uhr saß Clementina auf einer dieser Bänke. Un-geduldig schaute sie nach der Stadt hin; aber Er, den sie erwartete, kam nicht.

Da nahcte sich eine Eilkutsche. Und wie erstaunte das Mädchen, als am Fensterdes inneren Wagcnraums Don Juan's Kopf erschien und gleich darauf der Wagen vorder Bank hielt, auf welcher Clementina ruhte.

Juan sprang eilends heraus, ergriff das Mädchen am Arm, und zog es nach demWagen hin, während der Kutscher rief:

Vorwärts, vorwärts, die Thiere sind erhitzt, und können hier nicht längerstehen bleiben!

Clementina wollte Widerstand leisten, verlangte Erklärung dieser gewaltsamen Hand-lungsweise; aber es gebrach ihr an Zeit wie an Kraft. Bevor der Schrecken und dieUeberraschung sie recht zum Worte kommen ließen, sah sie sich bereits im Innern desWagens an Don Juan's Seite.

In eiligster Flucht verfolgte der Wagen die Richtung nach Zareoza.

Clementina und ihr Entführer waren allein. Sobald sie ihrer Sprache wiedermächtig ward, verlangte sie von ihm Rechenschaft über sein Benehmen. Das arme Land-mädchen wußte wenig von dem, waS unter gebildeten Leuten gesellschaftliche Schicklichkcitheißt; gleichwohl fiel es ihr schwer auf's Herz, daß Jnan's Handlungsweise kaum dieeines Ehrenmannes sein könne.

Er fing damit an, zu gestehen, daß sein Verhalten leicht zu ungünstiger AuslegungAnlaß bieten könne. Er erzählte, daß er sich gezwungen gesehen habe, in aller Eile nachBegonna zu reisen, wohin ihn Geschäfte riefen, bei denen sein ganzes Vermögen auf demSpiele sei; da habe er die Kraft nicht gefunden, sich von Ihr zu trennen, ohne deren