Ausgabe 
28 (2.8.1868) 31
 
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Und Frcudenthränen füllte» Catalina's Augen. j

Doch still, rief Juanna, indem sie auf ein Geräusch von Schritten horchte, welchesich auf der Stiege hören ließen; da muß ja Dominik um den Weg sein; ich kenne ihnau den Schritten, die er macht mit seinen langen Beinen, die ihm Gott gegeben hat.

In der That war es Dominik, der so eben ankam.

Es mußte ihm irgend etwas Uebles begegnet sein, denn sein Gesicht war verstört,was die beiden Krauen sofort bemerkten. ^

Nun, wie ist es Dir gegangen, Dominik? fragte Catalina hastig.

Alles Mögliche hat es gegeben, wie in einer Apotheke, sagte Dominik mit betrüb-tem Lächeln.

Was hat es gegeben? rief Juana ängstlich. Bist Du etwa vom MaulthierHerabgefallen?

Wahrhaftig, ich wollte, so Etwas wäre mir begegnet, ehe ich nach Bilbäo kam;dann wäre ich umgekehrt, und müßte jetzt nicht als Ucberbringcr schlimmer Botschaftendastehen.

Heilige Jungfrau! sagte Catalina in fürchterlicher Seelenqual. Was ist meinerTochter zugestoßen? Geht es ihr schlimmer? Ist sie wohl gar gestorben?

Gestorben ist sie nicht; aber machen Sie sich gefaßt. . .

Dominik, mach' ein Ende! Du bringst mich um mit Deinen Zögerungen.

Aber, liebe Frau, antwortete Dominik beinahe weinend; sehen Sie denn nicht, daß«s ist, wie wenn ich einer Mutter die Pistole auf die Brust abdrücke, wenn ich ihr soglatt heraussage...

Was? Was? Daß mein Herzenskind todt ist?

Sag' es nur heraus. Meine Tochter war das Glück meines Lebens, aber ichwerde mich in Gottes Willen ergeben, wie es uns die Religion gebietet. Ist meineClementina todt?

Dominik machte eine größere Anstrengung, um seiner schlimmen Botschaft los zu ^werden.

Nein, sie ist nicht todt; aber wer da weiß, was imgroßen Hause" die Ehre gilt,der wird mit mir sagen, es wäre bester, wenn Clementina todt wäre, als daß sie sichvon einem Schurken anführen ließ.

Meine Tochter verführt, der Ehre beraubt? Das kann nicht sein, das glaube ichnicht! Dominik, Du verläumdest eine Familie, auf deren Ehre niemals der leisesteSchatten siel. 4

Aber ich sage kein Wort mehr, als Ihr eigener Schwager mir mitgetheilt hat.

Was hat Dir mein Schwager gesagt? Du tödtest mich noch mit Deinen halbenRedensarten.

Ihr Schwager, der vor Kummer krank im Bett liegt, hat mir gesagt, die Kleinesei eines Morgens zur Messe nach Begonna gegangen und den ganzen Tag nicht wiedergekommen. Er fragte hier, er fragte dort, am End' aller Ende brachte er heraus, daßman sie in der Eilkutsche nach Vitoria hatte durch Zorcoza fahren sehen. Und mit wem,glauben Sie? Mit Juanito, dem Strolchen, der voriges Jahr beim St. Iacobsfestwar. O Elender!

Catalina machte eine äußerste Anstrengung, um sich zu beherrschen und ihrenSchmerz zu mäßigen. Es gelang ihr; aber wir können ihr darum die Siegcspalme derHeldin noch nicht reichen; denn sie glaubte in der That nicht, was Dominik erzählte.

Die Ehre war in ihrem Hause eine so hohe, erhabene, hoch verehrte Gottheit, daß Cata- >lina es nicht zu fasten vermochte, daß ein Glied ihrer Familie sie sollte entweihen können.

Mancher denkt vielleicht Hiebei:Arme Mutter! arme ländliche Frau I Du wußtestnicht, wie sehr bei gewissen Wesen die Naturanlage der Erziehung überlegen ist! Imgewöhnlichen Leben Pflegt man in Tadel oder Spott zu sagen, die oder jene Person sei