Ausgabe 
28 (2.8.1868) 31
 
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sehr verliebter Natur. Man bedenkt dabei nicht, daß solcher Spott und Tadel eben soungerecht sind, wie wenn man einen Blinden tadeln wollte, weil ihm Gott das Augen-licht versagt hat.*

Wir aber wollen diese Auffassung nicht theilen.

Catalina's Söhne waren schon seit dem frühen Morgen im Walde, ziemlich weitvom Dorf, mit Kastanicnsammeln beschäftigt.

Ihre Mutter entschloß sich, in Dominik's Begleitung, ohne allen Verzug nach BilbL»aufzubrechen. Der Juana schärfte.sie ein, hinsichtlich des Unglückes, welches diese plötz-liche Reise nöthig machte, das strengste Schweigen zu beobachten. Miguel und seineGeschwister sollten dahin berichtet werden, daß der Oheim, schwer erkrankt, die Mutterhabe rufen lasten.

In vorgerückter Abendstunde kamen Catalina und Dominik nach Bilbäo.

Wer begreift nicht die grausame Todesangst, mit welcher Catalina sich dem Hauseihres Schwagers näherte, wer nicht den endlosen Schmerz, als ihr kein Zweifel mehrblieb an der Schande, an dem Untergang ihres Kindes?

Schmerzgefoltert unternahm sie am folgenden Morgen in der Frühe die Heimreise.Sie befürchtete, Clemcntina's Schande möchte bekannt werden, Miguel die Schuldigenaufsuchen, und das Blut der Verführten wie des Verführers vergießen. Sie selbst wollteihren Söhnen die verhängnißvolle Nachricht mittheilen, um Miguel's Entrüstung undRachewuth durch den Einfluß zu bändigen, den ihre Liebe und ihr mütterliches Ansehe»stets auf den edelmüthigen Jüngling auszuüben vermochte.

Eine Hoffnung hegte die tiefbctrübte Mutter immer noch; sie glaubte, der Ver-führer ihrer Tochter werde nicht so ruchlos sein, daß er sich weigerte, ihr die geraubteEhre so weit möglich wieder zu geben. Aber ach! auch dieser letzte schwache Hoffnungs-schimmer dauerte nur gar kurze Zeit.

Catalina und Dominik kamen auf ihrem Heimweg gerade durch die Ebene vonVolantei, nahe bei derSalve," als ein junges Weib mit von Zorn und Thränengeröthetem Angcsichte ihnen begegnete.

Sie überhäufte Catalina mit Beleidigungen, nachdem sie ihr mitgetheilt hatte, daßsie die Ehegattin von Clementina's Entführer sei.

Nach dieser Enthüllung hörte Catalina keine beleidigenden Worte mehr, oder gabsich nicht die Mühe, solche zurückzuweisen. Was konnten die Schmähungen eines armen,in seinem Stolz, in seinem Herzen verwundeten Weibes zu ihrer Schande, zu ihrer tödt-lichen Beschimpfung noch hinzufügen!

Catalina und Dominik beendigten nun ihren Heimweg; sie mit trockenen Augen,aber tödtlich verwundetem Herzen. Aber Dominik konnte die Thränen nicht bemeistern,die sich immer von Neuem in seinen Augen sammelten.

Sobald Catalina ihr Haus wieder gesehen hatte, enthüllte sie ihren zwei ältestenSöhnen den Jammer, der über das Haus gekommen war. Entsetzlich waren der Schmerzund die Entrüstung der beiden jungen Männer beim Empfang dieser Kunde. Aber infeierlichem Ton sagte ihnen die Mutter:

Die Rache ist nur erlaubt der Gerechtigkeit Gottes und der Obrigkeit. VergessetEure Schwester; wenn sie aber eines Tages verlassen, mit Thränen der Reue, EurerThüre oder Eurem Herzen naht, dann umhüllet sie mit dem Mantel des Vergessen»und Vergebens, denn sie wird nicht uur Eure Schwester, sie wird ein gebrochenes, iur--glückseliges Geschöpf sein.

Mutter! antwortete Miguel; wir versprechen es, weil Gott und Du es gebieten; und er senkte sein in Thränen gebadetes Gesicht zur Erde nieder.

Catalina legte sich nieder, anscheinend voll Ruhe und Ergebung. Aber Miguel,der sie genau kannte, sagte zu seinem Bruder:

Geh' schnell und rufe den Arzt.