Ausgabe 
28 (9.8.1868) 32
 
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unserer Schriftsteller, die einen förmlich auf die Folter spannen!" So rief die Alte,schier vor Erregung zitternd.

Hört, Kinder! Als der Fritze an Laibels Hause vorbeikam, sah er in einemZimmer des zweiten Stockwerks Licht. WaS konnte der Mann so spät noch zu thunhaben, wo jeder anständige, ordentliche Bürger schon längst zu Bette lag? So dachteFritze, der sonst ganz und gar nicht neugierig ist, und blieb stehen. Plötzlich bewegtesich das Licht, und zu seinem gelinden Schrecken sah er, daß es aus einem Zimmer indas andere ging, rasch immer rascher, dann verschwand, endlich wieder zum Vorscheinkam, hastig, unruhig und ängstlich. Das dauerte eine ganze Weile, dann verschwand esvollends. Fritze war nicht von der Stelle zu bringen; es war ihm, als muffe er nochetwas erleben in der stillen Gaffe, in der Alles schlief, und in dem düstern Hause.Ungewöhnlich und verdächtig war auf alle Fälle, was er gesehen. Er wartete noch eineganze Weile, bis die alte Schloßuhr Eilf schlug, dann wurde es ihm wahrhaft unheim-lich zu Muthe, wie er sagte, und er eilte heim."

In diesem Augenblick ertönte in der kleinen Stube ein wahrhaft furchtbarer Schrei,der dem Erzähler und der mit äußerster Spannung horchenden Alten durch Mark undBein ging, und als sie erschrocken aufschauten, hätten sie bald ähnliche Schreie ausge-stoßen ob dem, was sie erblickten.

Meister Andres hatte sich erhoben er war es gewesen, der den lauten, soschrecklich klingenden Schrei ausgestoßen. Sein Gesicht war kreideweiß und seine Augenstarrten die Beiden förmlich an. Die eine Faust hatte er aus den Tisch gestemmt,wahrscheinlich um seinem vor Aufregung zitternden Körper einen Halt zu geben.

Du hast die Wahrheit gesprochen, Hcubach!" rief er mit fester Stimme seinenmehr und mehr erschreckenden Zuhörern zn.Der Laibel hat sie umgebracht!Ich hab's gesehen und gehört!"

Nach diesen allerdings merkwürdigen und inhaltreichen Worten war es vorbei mitder künstlichen Energie des ehrlichen Tischlermeisters. Er siel förmlich in seinen Stuhlzurück, während nun die beiden Andern von ihren Sitzen gleichsam emporschnellten, undzu gleicher Zeit und mit begreiflicher Aufregung auf ihn einstürmteu, ihn aufforderten,um Gottcswillen zu erzählen, was er denn von der schrecklichen Geschichte gesehen undgehört.

ES dauerte eine geraume Weile, bis Meister Andres sich gefaßt und im Standewar, diesem Verlangen nachzukommen. Und was er nun erzählte, war in der Thatmerkwürdig und mehr als genug, um die allgemeine Aufregung auf's Höchste zu steigern,die düstere Geschichte in etwas, doch in schrecklicher Weise aufzuhellen.

Ich war am vergangenen Samstag Abend auch in der ewigen Lampe, wie DuDich erinnern wirst, Hcubach," so sagte endlich Meister Andres. ,Es war mein Tag,und da ich nur selten komme, so blieb ich dafür ein wenig länger sitzen, und das warem Glück, wie Ihr gleich sehen werdet. Ein kleines halbes Stündchen nach Fritze brachich auf, und um schneller nach Hause zu kommen, benutzte ich den kleinen Gartenpsad,der hinter Laibels Hof und Garten hinläuft. Es war mir ein wenig unheimlich zuMuthe, und das hatte seine gerechte Ursache, wie ich jetzt genugsam weiß. Als ich andem Hofraum des alten Hauses vorbeikam, mußte ich es ist merkwürdig geradewie der Fritze Halt machen und durch die Lattenwand in den Hof und auf das düstereGebäude schauen. Ihr wißt, daß mitten im Hofe der große Ziehbrunnen steht. Nun,bei diesem glaubte ich etwas Ungewöhnliches zu sehen. Es war eine dunkle Gestaltein Mann, und kein Anderer, als der Laibel. Die Arme hatte er hoch erhoben, undhielt er etwas, das ich nicht erkennen konnte, doch ganz sicher und deutlich gesehen habe.Da hörte ich plötzlich einen scharf und schrecklich klingenden Aufschrei, dann sanken dieArme herab, und die Gestalt der Laibel warf etwas in den Brunnen, das nichtvon geringem Umfang war, denn stark plätscherte es gleich darauf unten in dem Wasser