Ausgabe 
28 (9.8.1868) 32
 
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ich hörte es nur zu gut! Das Alles war mir recht auffallend, doch dachte ich nichts«Arges. Ich sah dann noch, wie die Gestalt sich von dem Brunnen entfernte und in dasHaus zurücktrat. So ist es! Das habe ich gesehen und gehört, und will es mitallen Eiden beschwören!"

Unmöglich ist eS, den Eindruck zu beschreiben, welchen dieser Bericht auf die beidenZuhörer machte. Auf ihre Sitze sanken sie und starrten einander eine ganze Weilesprachlos an.

Endlich flüsterte Gevatter Heubach:Nun ist kein Zweifel mehr! Er hat sieermordet Alle, Frau und Kinder dann in den Brunnen geworfen und sich schließlichselbst das Leben genommen, oder durch Flucht dem Gericht entzogen. So ist es! Eskann nicht anders sein!"

So ist es! Es kann nicht anders sein!" wiederholte mit tiefem Tone MeisterAndres.

Entsetzlich!" hauchte die Alte, am ganzen Körper zusammenschauernd.

Dann entstand abermals eine lange Pause, in der man jeden Athemzug der Dreihören konnte, die sich wiederum einander und mit wahrhaft entsetzten Mienen anschauten.

Doch nun erhob sich Gevatter Heubach mit gewaltsamer Energie.

In die ewige Lampe," so rief er mit fast befehlender Stimme.Zieh den Rockan, Andres, mir müssen hin! Ehre, dem Ehre gebührt! Du selbst sollst der Gesellschaftdie merkwürdige, entsetzliche Neuigkeit mittheilen."

Die Alte sagte kein Wort, als ob der Aussprnch des Gevatters unantastbar wäre.Doch hätte sie es auch gethan, so würde es nichts genutzt haben, denn Meister Andreshatte schon den Rock vom Nagel genommen.

Ich wußte es wohl, daß ich heute Abend noch in die ewige Lampe kommen würde,"murmelte er, als er in die weiten Acrmel seines Habits schlüpfte, mit einem gemischtenGefühl von Grausen und Behaglichkeit über die Bedeutung, welche seine Person nunmehrin der schrecklichen, doch so interessanten Sache erlangen würde.

Einige Augenblicke später befanden die beiden Männer sich auf dem Wege nach demoftgenannten Stammwirthshausc, allwo ihr Erscheinen, ihre Berichte, wie vorauszusehen,die größte und gerechteste Aufregung hervorrufen mußten.

Die Alte blieb allein in ihrer Stube.

Auch sie spürte ein nicht geringes Grausen, doch war es mit einer gewissen Behag-lichkeit gepaart Die Lampe brannte noch immer hell, und vor ihr lag das Buch.

Das ist die rechte Stimmung, in der man eine so schöne Geschichte lesen muß,"flüsterte sie nach einer Weile mit leuchtenden Aeuglein und von Erregung geröthctenWangen. Dann stellte sie sich das Licht zurecht, rückte den alten Lcderstuhl wieder näherzum Tische, klappte die dunkle, farblose Decke der geliebten Zeitschrift auf, und nachdemsie noch die Enlenbrille fest und an richtiger Stelle auf die Nase geklemmt, begann siezu lesen:

Er stieg aus dem Sarge"

Alles klebrige erstarb in einem Murmeln, dem man die innere Behaglichkeit derLeserin wohl anzuhören vermochte, und das nur hervorgerufen werden konnte durch einesolche Lectürc, bewerkstelligt in ähnlicher Stimmung.

(Fortsetzung folgt.)

Clementina.

(Schluß.)

VIII.

Ein Monat war vergangen seit dem Tode der armen Catalina.

In einem elenden Dachkämmerchen von Bayonne weinte und nähete ein junges,weibliches Wesen, das dem Schatten der frühern Clementina ähnlich sah.