Ausgabe 
28 (9.8.1868) 32
 
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Plötzlich schauderte sie zusammen, und fuhr von ihrem Platze auf. Sie hatte dieStimme ihres Bruders Miguel gehört, welcher au der Thüre des Hauses ihren Namenaussprach.

Miguel trat ein. Clemeutiua, davon niedergeschmettert, senkte die Stirn zu Boden.Sie wagte nicht, ihn anzublicken; sie glaubte, daß er komme, um mit ihrem Blut denFlecken abznwaschen, der durch sie aus die reine Ehre der Familie gekommen war.

Clementina! Hcrzensschwestcr! rief Miguel auS, indem er sie mit thräuennmwölkten,Augen in seine Arme zog.

Bei dieser zärtlichen Stimme, in dieser liebevollen Umarmung, und als sie seinewarmen Thränen auf ihrem Gesichte suhlte, wagte Clementina erst die Äugen zu ihremBruder aufzuschlagen; nnd nun gewahrte sie, daß er Trauer trug.

Sie wollte den Bruder fragen, welches neue Unheil die Familie betroffen habe;aber er kam ihrer Frage zuvor mit den Worten:

Clementina! Unser Hans hat keine Herrin mehr, die es leite nnd lenke. Komm,komm, und nimm Du den Platz ein, welchen die Mutter leer gelassen hat, als sie zumHimmel ging.

Bei dieser Nachricht stürzte Clementina wie todt zu Boden.

Ihr Schmerz war so grausam, tief und furchtbar, daß er gewiß genügte, ihreSchuld zu sühnen, wenn sie noch nicht gesühnt war durch Alles das, was das armeMädchen gelitten, seit ihr Verführer sie verließ.

Sie kam, Dank der liebevollen Sorge Miguels, bald wieder zu sich, und am fol-genden Tag kehrten die zwei Geschwister nach dem heimathlichen Dorfe zurück.

Mit welchem Schmerz, mit welcher tödtlichen Angst, mit welcher unendlichen Be-schämung kehrte die beklagenswerthe Clementina zu dem Dorfe wieder, das sie verlassenhatte, geehrt wie ihre Mutter, rein wie die Blumen der heimischen Thäler!

Miguel war so zartfühlend, seiner Schwester den Weg über Bilbäo zu ersparen,um ihr die Schande und den Schmerz nicht aufzubürden, welche sie auf dem Schauplatzihrer Lerirrung Hütte empfinden müssen.

Sie machten die Reise quer über die Gebirgskette, welche im Norden dieunbesiegte"Stadt beherrscht, und deren Pfade ihnen Beiden wohl bekannt waren.

Der Tag war schön; Leben und Freude herrschten da unten im Thäte desJbaizabal. Glocken tönten am Fuße des Berges, über dessen Gipfel Miguel und Cle-mentina dahin schritten. Es waren die Glocken vom Heiligthum zu Bcgonna.

Was Clementina beim Klang dieser Glocken empfand, das läßt sich vielleicht nach-empfinden, aber nicht in Worten ausdrücken.

Die Glocken von Begonna klangen nicht traurig für die, welche ein frohes Herzhalten oder in ihrem Geläute die Mahnung an den Himmel fanden; aber für Clemcn-tina klangen sie so düster und ernst, wie Sterbeglocken.

O wer einen schweren, dunklen Vorwnrf im Busen trügt, für den verwandelt sichder frohe Sanct Johannis-Morgen in den düstern Allerseelenabend

Traurig verfolgten die Geschwister ihren Weg, bis sie von der Anhöhe aus, jenseitseines tiefen Thales voll Eichen und Kastanien, auf einer gegenüberliegenden Höhe zwischenüppigen Bäumen, welche dieselbe krönten, einen Kirchthurm emporsteigen sahen, an dessenFuß einige Häuser durch die Zweige schimmerten.

Das war ihr friedliches, schönes, ihr geliebtes Heimathödorf.

Clemcntina's Schmerz, der bei der Abreise von Bayonne sich einigermaßen gemildert,seither aber und namentlich seit sie das Thal des Jbaizabal überblickten, sich immermehr verschärft hatte, erreichte seinen Höhepunkt, als sie den Kirchthurm ihres Geburts-Ortes erschaute, als sie die Baumgrnppen und Hügel wiedersah, wo sie mit ruhiger Seeleund freier Stirn mit den Gespielinnen ihrer Kindheit sich getummelt hatte, vor denen siejetzt in Scham und Schande den Blick zu Boden senken mußte. Ein Strom von