Nr. LL
16. August 1868.
Augsburger
Muß sich ein Mann in rechtem Worte zeigenDurchsichtig, klar, wie ein Krystall,
So lern er auch verstehn das rechte Schweigen,
Das ihn umgiebt gleich einem Wall.
Johannes Schrott.
Auch eine Crirnina!-Geschichte.
(Fortsetzung.)
II.
Die Untersuchung.
Die Vorgänge, welche wir im vorigen Kapitel in einer wohl etwas zu leichtenWeise erzählt, waren indessen ernst genug, und wohl im Stande, die kleine Stadt L...in große, ungewöhnliche Aufregung zu versetzen.
-k... war während vieler Jahrhunderte die Residenz eines Fürsten gewesen, bestenSouveränität durch den Neichsdcputations-Hauptschluß vom Jahre 1803 ein Ende ge-funden hatte; das war der erste harte Schlag, der T... betroffen. Einige Jahrzehntespäter war denn auch noch der letzte Repräsentant der alten Herrscherfamilie gestorbenund das stattliche und weitläufige Schloß und anderes Besitzthum an eine Seitenliniegefallen. Nun verließen auch die letzten Beamten und Hofdicner die Stadt, welche dadurchihre eigentliche Lebcnsbedingung schwinden sah. Der neue fürstliche Besitzer kümmerte sichwenig um den Ort, und so war denn T... zu einem kleinen, stillen Landstädtchen herab-gcsuuken, das nur durch seine wahrhaft schöne Lage irgend einen Pastanten zu intercssiren
und auf kurze Zeit zu fesseln vermochte. Im vergangenen Sommer nun war Herr Laibel
zum ersten Mal in T... gesehen worden. Er hatte sich mehrere Tage daselbst aufge-halten, denn der Ort und die Gegend schienen ihm zu gefallen. Eines der alten, großenund öden Häuser war zu verkaufen gewesen — sein letzter und einziger Besitzer undBewohner, ein ehemaliger fürstlicher Amtmann war gestorben — und zur größten Ver-wunderung der Einwohner hatte Herr Laibel das Haus mit dem hübschen Garten gekauft.Während des Winters war Mancherlei in der Wohnung ausgebessert und hergestellt
worden; nach und nach langten Fuhren mit Möbeln und anderem Hausrath an, und
im folgenden Frühling — etwa vor einem halben Jahre — zog denn auch Herr Laibelmit seiner Familie, aus seiner Frau und zwei Kindern, einem Mädchen von etwa fünf,und einem Knaben von neun Jahren bestehend, in^sein stilles und hübsches, doch auchetwas düsteres Besitzthum ein.
Der neue Einwohner von T... zeigte sich sofort als ein Sonderling. Er ver-kehrte fast niit keinem seiner Mitbürger, hielt sich meistens in seinem großen Hause auf,und wenn er ausging, so suchte er stille Wege, abgelegene Stellen auf, immer bemüht,
den Leuten so viel als möglich auszuweichen. Seine Frau lebte fast eben so still für
sich, ihr Hauswesen und ihre Kinder, und eine Magd, aus der Gegend daheim, ver-mittelte die Einkäufe in der Stadt und die etwaigen Geschäfte mit den Handwerksleutcn.Die Kinder sah man meistens im Hof und im Garten spielen, oder die Mutter führtesie spazieren, doch ohne Scheu vor öffentlichen Orten und den ihr etwa Begegnenden.
Den Unterricht der Kinder mußte wohl der Vater besorgen — wenn sie überhaupt welchen
erhielten. Die Bewohner von L... erfuhren nichts Näheres darüber, so große Mühesie sich auch gaben, es in Erfahrung zu bringen.