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Die Familie lebte in dieser Weise still und eingezogen, doch soll es oftmals heftige
Auftritte zwischen Herrn Laibel und seiner Gattin gegeben haben, wie die Magd den
Leuten, mit denen sie in Berührung kam, oft, doch ganz im Vertrauen erzählte. Wcß-chalb und worüber diese Zwistigkeiten entstanden, wußte die Dienerin nicht und überließdadurch den Neugierigen ein weites Feld der Vermuthungen, welches denn auch von denehrsamen Bürgern und Handwerkern in schönster Weise bebaut wurde — nur nicht zumVortheil des Herrn Laibel.
So viel hatte sich indessen im Laufe des halben Jahres über die Familie festgestellt,daß Herr Laibel ein düsterer, menschenfeindlicher und höchst jähzorniger Mann sei, derseine Frau quäle und tyrannisire, und ferner, daß über den Leuten ein Geheimniß
schlucke, das nicht zu durchdringen sei und demnach etwas Unheimliches, Gefährliches
bergen müsse.
Am vergangenen Samstag nun hatte man die Familie zum letzten Male gesehen.Am Sonntag war das Haus verschlossen geblieben, was indessen keineswegs aufgefallen.Die Thüren und Fenster öffneten sich aber auch an den folgenden Tagen nicht, und nunbegann man aufmerksam zu werden — wozu Gevatter Heubach, seines Zeichens einSchlossermeister, nach seiner eigenen Aussage, nicht wenig beigetragen. Dann wurde leiseallerlei gemunkelt und vermuthet, und bald schauten die Bewohner der Gasse mit scheuenBlicken auf das düstere Gebäude, in dem auf alle Fälle irgend etwas Ungewöhnlichespassirt war, und das ganz gewiß ein Geheimniß barg.
Noch blieb es beim Vermuthen, als aber am Mittwoch der Gerber Fritze seinemFreönde Heubach seine Beobachtungen mittheilte, von dem so verdächtig durch alle Räumedes Hauses irrenden Lichte erzählte, so er in der Nacht von: Samstag auf den Sonntaggesehen, da endlich platzte die Bombe.
Die ungeheuerlichsten Reden über das sonderbare und vollständige Verschwinden derFamilie, von Heubach zuerst angestimmt, wurden Plötzlich laut und lauter, bis sie endlichber Ortspolizei zu Ohren kamen, die denn auch pflichtschuldigst Notiz davon nehmenmußte. Und sie that dies gerne, sogar mit großem Eifer, denn die Herren der Polizeiund des Gcmeinderaths waren ebenfalls Kinder der Stadt und nicht weniger neugierig,als ihre übrigen Mitbürger.
Es war indessen auch ernste Pflicht der Behörden, nachzuforschen, denn der Vorfallwar wirklich beunruhigend, wenn nicht verdächtig. Der Gerber Fritze wurde auf diePolizei und das Ortsgcricht befohlen, und mußte haarklein berichten, was er in jenerNacht gesehen. Seine Aussage wurde zu Protokoll genommen, und die Vorstände derPolizei und des Ortsgerichts, sowie die Väter der Stadt beschlossen endlich nach langerDebatte, am folgenden Tage ihre Anzeige beim Criminalgcricht der nahen HauptstadtLU machen.
Am Abend dieses Tages nun machte der Tischlermeister Andres die im vorigenKapitel erzählte wahrhaft gravircnde Deposition, wodurch die Vermuthungen über irgendein in dem alten Hause begangenes Verbrechen so zu sagen zur Gewißheit erhoben wur-den. Welch' ein gewaltiges Aufsehen diese Aussage in der ewigen Lampe sowohl als inder ganzen Stadt erregte, in der sie noch am selben Abend von der hundcrtzüngigenFania — vertreten durch die Stamm- und andere Gäste des Wirthshauses — verbreitetwurde, bedarf wohl keiner näheren Darlegung.
Am folgenden Tage und schon am frühen Morgen wurde der Tischlermeister aufdas Ortsgericht citirt und mußte hier, und sogar vor dem Herrn Bürgermeister und denHerren Gemeinderätheu Alles wiederholen, was er sicher schon mehr denn einmal erzähltund berichtet. Mit Ernst und Würde, der Wichtigkeit seiner Aussage vollständig bewußt,gab er das, was er gesehen, so ausführlich als möglich zu Protokoll, und nun wurden^ die Akten, mit einem passenden Bericht versehen, auch sofort durch den Ortsgcrichtsdiencran das Criminalamt abgesandt.