Ausgabe 
28 (23.8.1868) 34
 
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Nr. L4

23. August 1868.

Augsburger

Wenn von Genuß du hörst und von Vergnügen,

Wozu die Welt sich festlich putzt,

Hab' Acht, die abgenützten Worte lügenUnd was sie meinen, ist bejchmutzt.

Johannes Schrott.

Auch eine Criminal-Geschichte.

(Fortsetzung.)

Der Richter war, wenn auch etwas ergriffen, doch äußerlich ruhig geblieben. Waser bis jetzt gehört, ließ allerdings an ein begangenes Verbrechen glauben, doch fehlteirgend ein überzeugender Beweis. So viel aber stand fest bei ihm, daß er den That-bestand an Ort und Stelle untersuchen wolle. Es wurde dies nach dem Gehörten, undwie die Angelegenheit bis jetzt stand, unabweisbare Pflicht. Er wollte sich just in diesemSinne aussprechcn, als am Eingang des Zimmers ein Geräusch entstand, der Orts-gerichtsdiener die Thüre weit öffnete und einen Mann in Uniform einließ.

Noch ein Zeuge, Herr Richter!" rief er überlaut und von seinem Eifer derarthingerissen, daß er Brauch und Herkommen, die Heiligkeit des Ortes, kurz Alles vergaß.Es ist der Herr Bahn-Jnspcctor, der hat ihn gesehen, wie er sich davongemacht!"

Ruhe!" gebot der Richter dem Allzueifrigen und wiederholte dann den Ruf nocheinmal und mit strengem Tone, da zugleich ein Murmeln neuen Staunens und neuerErregung laut und immer lauter in dem Gemache ertönte. Doch es wurde ihm nichtleicht, die Aufregung seiner Umgebung zu beschwichtigen, besonders da die meisten derAnwesenden sich als Herren des Ortes dünkten, was sie in der That auch waren. Soentstand denn aus dem Murmeln bald ein recht lautes Sprechen und gegenseitiges Aus-tauschen der Meinungen, das den neuen Ankömmling bis zum Tische des Untersuchungs-Richters, auf den er zuschritt, begleitete.

Es war ein Bediensteter der bei T... vorbeilaufenden Eisenbahn, der Vorstand derdortigen Station, ein noch junger, und wie er sich auf den ersten Blick darstellte, ge-wandter und thatkräftiger Mann.

Nachdem die Ruhe einigermaßen wieder hergestellt war und Alles abermals gespanntauf den wettern Verlauf der so interessanten und ergreifenden Untersuchung horchte, er-zählte der Bahninspector, von dem Richter nach wenigen Vorfragen dazu aufgefordert,etwa Folgendes:

In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag, gegen zwei Uhr Morgens und

wenige Minuten bevor der Nacht- und Courierzug bei der hiesigen Station angelangt,

sei der Laibel ganz athcmlos dahergelaufen gekommen. In der Hand habe er einen an-scheinend schweren Reisesack gehabt und sein Aeußeres sei in auffallender Unordnung,wie er selbst in sichtlicher großer Aufregung gewesen. Laibel habe sich dann ein Billetgelöst und kaum noch Zeit gehabt, in den mittlerweile angelangten und nur wenigeAugenblicke sich aufhaltenden Zug einzusteigen, worauf er in der Richtung nach V. . .weitergefahren. Die Erscheinung, das ganze Gebühren des Mannes sei ihm allerdingssehr aufgefallen, doch habe er nichts Arges dabei gedacht, bis ihm gestern das entsetzliche

Gerücht zu Ohren gekommen, das sich dahier über sein Laibels und dessen Familie

Verschwinden verbreitet. Da habe er das auffallende Wesen des Mannes sich wohl er-klären können, und damit keine Zeit verloren gehe, auch schon alle die Schritte gethan.