278
Feind. ES sei Eins, daß der deutsche Thaler und Groschen im ganzen Reiche gleichen eWerth habe; Eins, daß mein Reisekoffer durch alle sechsunddreißig Staaten ungeöffnetJassiren könne. Es sei Eins. daß der städtische Reisepaß eines weimar'fchen Bürgersvon dem Grenzbeamten eines großen Nachbarstaates nicht für unzulänglicher gehaltenwerde, als der Paß eines Ausländers. Es sei von Jnnland und Ausland unterdeutschen Staaten überall keine Rede mehr. Deutschland sei ferner Eins in Maß und ^
Gewicht, in Handel und Wandel, und hundert ähnlichen Dingeu, die ich nicht alle nennentaun und mag.
Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß das großeReich eine einzige große Residenz habe, und daß diese eine große Residenz, wie zumWohl der Entwicklung einzelner großer Talente, so auch zum Wohl der großen Masse desVolks gereiche, so ist man im Irrthum.
Man hat einen Staat wohl einem lebendigen Körper mit vielen Gliedern verglichen«nd so ließe sich wohl die Residenz eines Staates dem Herzen vergleichen, von welchemaus Leben und Wohlsein in die einzelnen nahen und fernen Glieder strömt. Sind aberdie Glieder sehr ferne vom Herzen, so wird das zuströmende Leben schwach und immerschwächer empfunden werden. Ein geistreicher Franzose, ich glaube Dupin, hat eineKarte über den Culturzustand Frankreichs entworfen, und die größere oder geringere
Aufklärung der verschiedenen Departements mit helleren oder dunkleren Farben
zur Anschauung gebracht. Da finden sich nun, besonders im südlichen, einzelne
Departements die in ganz schwarzen Farben daliegen, als Zeichen einer dort herrschendengroßen Finsterniß. Würde das aber wohl sein, wenn das schöne Frankreich statt
des einen großen Mittelpunktes, zehn Mittelpunkte hätte, von denen Licht und Leben
ausginge?
Wodurch anders ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige Volks-Cultur,die alle Theile des Reiches gleichmäßig durchdrungen hat? Sind es aber nicht die
einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht, und welche ihre Träger und Pfleger sind? »Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin, oder gar nur eine, da möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche
Gultur stünde! ja auch um einen überall verbreiteten Wohlstand, der mit der Cultur Hand inHand geht!
Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reiche vertheilte Universitäten, und überhundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungenvon Gegenständen aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat
dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasienund Schulen für Technik und Industrie sind im Uebcrfluß da. Ja, eS ist kaum eindeutsches Dorf, das nicht seine Schule hätte. Wie steht es aber um diesen letzten Punktin Frankreich !
Und wiederum die Menge deutscher Theater, deren Zahl über siebenzig hinausgehtund die doch als Träger und Beförderer höherer Volksbildung keineswegs zu verachten.
Der Sinn für Musik und Gesang und ihre Ausübung ist in keinem Lande so verbreitet, wie inDeutschland , und das ist auch Etwas.
Nun denken Sie aber an Städte wie Dresden, München, Stuttgart, Kassel ,Braunschweig, Hannover und ähnliche; denken Sie an die großen LebmS-Elemcnte, diediese Städte in sich selber trugen; denken Sie an die Wirkungen, die von ihnen auf diebenachbarten Provinzen ausgehen, und fragen Sie sich, ob das Alles sein würde, wenn *sie nicht seit langen Zeiten die Sitze von Fürsten gewesen?
Frankfurt, Bremen, Hamburg Lübeck sind groß und glänzend, ihre Wirkungen aufden Wohlstand von Deutschland gar nicht zu berechnen. Würden sie aber wohl bleiben,rvaS sie sind, wenn sie ihre eigene Souveränetät verlieren und irgend einem großen