Ausgabe 
28 (6.9.1868) 36
 
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Zuerst postirte der Beamte zwei Diener der Polizei vor den Eingang, mit derstrengen Weisung, Niemand mehr in das Haus zu lasten, sobald er es selbst mit denZeugen und übrigen Herren betreten. Dann forderte er den Polizei-Commistär, deuBürgermeister und den Vorstand des Ortsgcrichts auf, ihm zu folgen und ihm in seinemAmte bcizustehen. Die übrigen Herren mußten ohne Gnade draußen bleiben. Einigevon ihnen, von wohl etwas ängstlicher Natur, thaten es im Grunde recht gerne, dennwas sie im Innern des Hauses erwartete, war zu entsetzlich, als daß es nicht Furchtund Schrecken hätte erregen sollen. Und dies, so wie noch andere Unannehmlichkeiten,konnten vermieden werden. Erfuhr man doch bald genug auf der Gasse das Resultatder Untersuchung!

Ein gleiches Geheiß, in das Haus zu treten, wurde nun den Zeugen, dem GerberFritze und Hanne, der Magd, einem Schreiber, wie auch dem Schlostermeister Heubach.Der Eintritt des Meisters Andres, der den armen, schier zusammenbrechenden Herrnvon Freikamp führte, als Hauplzeugc, verstand sich von selbst. Hinter diesen schritt derUntcrsuchungs-Nichtcr in das Haus, und die kleine Pforte schloß sich wieder, ohne Mit-leid mit der Ncugierde und Spannung der auf der Gaste harrenden Menge und bewachtvon den beiden, nicht mehr Erbarmen zeigenden Dienern der Ortspolizei.

Eine Todtcnstillc herrschte in dem ganzen, nicht kleinen Gebäude, unheimlich unter-brochen von dem dumpfen Murmeln der auf der Gaste Harrenden, und eine wahreGrabesluft wehte den kecken Eindringlingen schon unter der Thorfahrt entgegen, eisigkalt gegen die Temperatur, welche im Freien herrschte. Doch dies Alles hemmte ihreSchritte, ihr Thun nicht, und der Richter gab Befehl, die untern Zimmer gewaltsamzu öffnen.

Hcubach setzte seine Instrumente an, und die Hauptthüre dieses Stockwerks öffnetesich nach kurzem Widerstände.

Von der Magd, als der einzigen Ortskundigen, geführt, gelangte man zuerst indas Arbeits - Zimmer Laibels. Hier sah es zwar nicht sehr ordentlich, doch auch nichtverdächtig aus. Bücher, beschriebene Papiere lagen auf Tischen und Stühlen, selbst amBoden, doch weiter war nichts Außergewöhnliches zu bemerken, desgleichen nicht in denübrigen Zimmern und Kammern dieses Geschosses, welche theils mit Büchern, Physikali-schen Instrumenten und verschiedenen Möbeln angefüllt waren. Jetzt ging es in die

Küche, die nach dem Hofe zu lag. Auch in dieser war nichts zu finden, eben so wenig

wie in der kleinen und sehr spärlich ausstaffirten Vorrathskammcr nebenan. Herr vonFreikamp, der mit Hilfe des Andres dem Richter folgte, konnte sich eines tiefen Seufzersnicht cntwehren beim Anblick der meist leeren Schränke und Schubladen.

Aus der Küche führte eine kleine Treppe, welche der Hausherr hatte machen lasten,

in die eigentliche Wohnstube des obern Stock s. Diese stiegen die Herren hinan. Mitwelchen Gefühlen der alte Herr von Freikamp dies that, braucht wohl nicht erwähnt zuwerden, glaubte er doch jeden Augenblick von oben den Schrei zu vernehmen, daß mandie Leichen gefunden. Doch es ertönte nichts Derartiges, und ernst und stille wiebisher wurde die Untersuchung fortgeführt.

In der Wohnstube aber sah es schon anders aus. Der Tisch war gedeckt gewesen,doch das Tafeltuch lag nur noch zur Hälfte auf, während die andere Hälfte zu Bodenhing. Einige Teller, eine Flasche und ein Glas lagen ebenfalls und in Scherben amBoden der der Flasche entströmte Wein war längst getrocknet, doch die Stelle, wohiner sich ergossen, auf dem Tischtuche nur zu deutlich zu sehen.

Das war allerdings ein verdächtiger Anblick.

Hier konnte ein Ringen stattgefunden haben zwischen dem Verbrecher und seinemOpfer. Der Untcrsuchungs-Nichter schaute sehr ernst drein und ersuchte die Herren, sichnicht weiter zu bewegen, bis er den Thatbestand genau zu Papier gebracht.

Herr von Freikamp sank auf einen Stuhl und, die Hände gefaltet, die alten guten