Augen voll Thränen, blickte er in dem sonst recht wohnlichen Raume umher, den seinarmes — liebes Kind — seine beiden Enkelchen bewohnt — die jetzt! — O es war znschrecklich! er konnte ihn nicht ausdeuten, diesen furchtbaren Gedanken!
Der Beamte hieß den Schreiber sich niedersetzen und unter den bereits redigirtenEingang des Protokolls den Befund der Lokalität niederschreiben, wie er ihm solchendictiren würde.
Dies dauerte eine kleine Weile, während welcher die Anwesenden Zeit genug hatten,sich in dem Zimmer umzuschauen.
Bis auf den in großer Unordnung sich darstellenden Tisch war Alles sauber unddas Möblement, wenn auch just nicht allzu elegant und reich, doch recht hübsch und mitGeschmack geordnet. Auf der Commode befanden sich einige hübsche Nippsachen; daskleine Arbeitstischchen zeigte noch verschiedene angefangene Handarbeiten, und dort standenzwei zierliche Vasen mit Blumen. Doch Letztere waren vertrocknet, und die große alteBoule-Uhr, von prächtiger Arbeit, schwieg. Sie hatte ihren letzten Pcndelschlag gethanund just auf fünf Uhr waren die Zeiger stehen geblieben. Nur in einer Ecke, dort —in der Nähe des Porzellan-Ofens, lag noch etwas am Boden. Es waren Papierstückchen,und als der Untersuchungs-Nichtcr sie bemerkte und einige davon aufgehoben, erkannte ersofort, daß es Theile eines Briefes waren, den man zerrissen und zu Boden geworfen.
Sorgfältig las der Beamte dann alle die kleinen unscheinbaren Stückchen zusammenund legte sie auf den Tisch nieder, um später deren Zusammensetzung zu versuchen, waSwohl nicht allzuschwcr sein dürfte. Hierauf wurde die Untersuchung der Ocrtlichkeitfortgesetzt.
Zn dem Schlafzimmer der beiden Gatten, das man nun, von der Magd geführt,betrat, stellte sich sofort ein Anblick dar, der, wenn auch noch immer kein Beweis derfurchtbaren That, dieselbe doch immer wahrscheinlicher werden ließ. Fast sämmtlicheSchubladen zweier Commoden erschienen mehr oder minder herausgerissen, und die darinnenenthaltenen Sachen, Wäsche, Kleidungsstücke waren durchcinandergcwühlt und lagen theil-weise am Boden.
Hier, wie in der Wohnstube, war etwas Ungewöhnliches vorgegangen, das standaußer allem Zweifel und wurde noch ganz besonders durch den Aufschrei der Magdbestätigt, welche die Hände über dem Haupte zusammenschlug, als sie diese auffallendeUnordnung erblickte. Die Person konnte nicht genug betheuern, welch' eine ordnungs-liebende, accurate Wirthschafterin die arme Frau Laibel gewesen, die sich jetzt gewiß nochin ihrem Grabe herumdrehen würde, wenn sie wüßte, wie schändlich der Unmensch mitihrer schönen Wäsche, mit den Sachen der beiden armen Kinderchen umgegangen.
Die Magd war kaum zu beschwichtigen, und der Beamte hatte Mühe, die Fort-setzung des Protokolls zu dictiren. Das war endlich glücklich vollbracht, und schon schickteman sich an, die übrigen Stuben zu durchsuchen, als auf der Gasse ein ungewöhnlichesGeräusch hörbar wurde, in welchem die Stimmen der beiden Gerichtsdiener sich ganzbesonders bemerkbar machten.
Der Untersuchungs - Richter eilte sofort an das Fenster, öffnete es und schaute aufdie Gaffe hinab. Da sah er denn einen Mann in Uniform, welcher sich bemühte, Einlaßin das Haus zu erlangen, woran ihn aber die beiden Diener des Ortsgerichts und mitErfolg hinderten. Letztere wurden dabei noch von der Menge wirksam unterstützt, und sowar denn ein kleiner Tumult entstanden, der größere Dimensionen anzunehmen drohte,glücklicher Weise aber von dem Herrn Untersuchungs-Nichtcr rasch beschwichtigt wurde.
Selbiger hatte nach einigen Augenblicken in dem Uniformirteu und Einlaßbcgchrendeirden Bahn-Jnspector erkannt, und wohl ahnend, daß der thätige Mann irgend etwasNeues oder nur Wissenswcrthcs bringe, gab er den allzueifrigcn Wächtern den Befehl,den Herrn einzulassen.