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Bald darauf betrat derselbe denn auch die Wohnstube, allwo die Herren noch immerversammelt waren.
Nach kurzer Begrüßung zog er hastig ein Schreiben aus seiner Tasche und reichtees dem Untersuchungs-Richtcr.
Es sei ihm so eben mit dem Schnellzug zugegangen und komme von dem Dircctorder Hauptstation V., so sagte er.
Der Beamte öffnete das Blatt.
Es war eine telegraphische Depesche, aufgegeben in einer großen Seestadt Nord-Deutschlazids, welche besonders starken Passagier- und Güter-Vcrkchr mit Nordamerika hat.
Der Inhalt der Depesche, welchen der Beamte laut vorlas, lautete:
„Herrn M., Dircctor der Hauptstation V., in***. — zeige an, daß so eben, vordem Einschiffen ein Individuum verhaftet wurde, auf welches das gegebene Signalementpaßt. In wenigen Stunden Näheres. A. Polizci-Director."
„Wir haben ihn!" konnte Meister Andres in seinem Eifer sich nicht enthalten, zurufen, und der wohl noch eifrigere Gevatter Heubach , welcher just au dem noch immeroffenen Fenster stand, rief dasselbe hinaus auf die Gaffe und der erwartungsvoll harren-den Menge zu, was ihm indessen einen Verweis des Beamten eintrug, von dem Volkeauf der Gasse aber mit lautem Beifall aufgenommen und belohnt wurde.
Unter solchen Umständen war es für den Beamten schwer, in Ruhe seiner Pflichtzu genügen, und er beschloß, die Untersuchung der Lokalitäten so rasch als möglich weiterzu führen und zu beenden.
Es gab aber in der Wohnung selbst nicht viel mehr zu untersuchen und zu Proto-kolliren. In dcn übrigen Zimmern fand sich nichts Außergewöhnliches vor, eben so wenigin den Mansard - und sonstigen Dachräumcn, welche sämmtlich in Augenschein genommenwurden, wie auch in dcn großen gewölbten Kellern, die man ebenfalls, mit Laternenbewaffnet, durchstöberte.
Hatte Laibel-Wallborn die That vollbracht, die ihm zur Last gelegt wurde und derer nunmehr verdächtiger war denn je, so waren seine Opfer nur auf dem Hofe, in demBrunnen zu suchen und zu finden, dafür bürgte vor allen Dingen die Aussage desMeisters Andres.
Dorthin begab man sich nun.
Wie hatte bisher manches Herz in nicht gewöhnlicher Erregung gepocht und beson-ders das des armen alten Herrn, der nun wohl erwarten durfte, die Leichen seiner Liebenzu erblicken. Er hatte kaum die Kraft, den klebrigen zu folgen, und auf dem Hofe an-gekommen, ließ er sich auf eine nicht weit von dem Brunnen befindliche Bank nieder,auf das Schrecklichste gefaßt.
Mitten im Hofe erhob sich der Ziehbrunnen, rundum, von allen Seiten frei.
Zwei Pfosten trugen ein Dach, und zwischen ersteren befand sich die Welle mit einemstarken und langen Seile, das auf eine nicht gewöhnliche Tiefe des Brunnens schließen ließ.
Ein Eimer war nicht vorhanden; lang hing das Seil auf dcn Boden herab.
Das erste, was man bei dem Brunnen und vor dem Maucrwerk desselben fand,waren mehrere dünne, doch anscheinend starke Stricke.
Sie lagen wirr durcheinander am Boden.
Wie waren sie dorthin gekommen? — Zu was hatten sie gedient?
Diese Fragen stellten — beantworteten sich die meisten der Anwesenden, doch leisefür sich und in entsetzlicher Weise.
Auch der Untersuchungs-Richtcr mußte also denken.
Er hob die Stricke auf und betrachtete sie lange und prüfend, dann zeigte er siemit einem sprechenden Blicke dem nicht weit von ihm stehenden Meister Andres.
Dieser zitterte am ganzen Leibe, doch nicht der Stricke halber, deren Bedeutunger wohl zu erkennen schien, sondern wegen etwas Anderem, das er entdeckt.