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Er beantwortete den Blick des Untersuchungs-Nichters, indem er auf eine Stelle derSteinplatten deutete, welche den Brunnenrand bildeten.
Dort war etwas zu schauen, das auch den kaltblütigen Beamten für einen Augen-blick erbleichen machte.
Auf einer der Platten sah man deutlich — eine kleine Blutlache und dicht danebeirebenso deutlich andere Blulspuren, als ob eine mit Blut bedeckte Hand auf den Steinenabgewischt worden wäre.
Keiner der Anwesenden sprach ein Wort. — Alle waren tief, gewaltig ergriffen.
Das furchtbare Verbrechen hatte stattgefunden und hier waren die ersten sichtlichenSpuren davon
„Der Brunnen muß untersucht werden!" rief nun der Beamte. „Kennt Jemandeine Möglichkeit, hinunter zu kommen? Ist ein Maurer, ein Brunnenmacher im Orte,so muß er sogleich herbeigeschafft werden."
„Äst nicht nöthig," entgcgnete Gevatter Hcubach. „Ich unterstehe mich schon, inden Brunnen hinabzusteigen und ihn zu untersuchen, so gut als nur irgend ein Brunnen-macher im Lande."
„Dann geht an's Werk!" '
Einen Augenblick besann sich der diensteifrige Schlaffer, dann, nach kurzer, geflüsterterRücksprache mit Meister Andres, sagte er, daß er gehe, um ein paar Feuerleitern zuholen, die würden genügen.
Der Beamte billigte kopfnickend das Vorhaben, und Gevatter Heubach entfernte sichmit eiligen Schritten.
Es dauerte aber eine ziemliche Weile, bis er mit seinen zwei langen Leitern wieder-zukehren vermochte, wozu er noch die Hülfe von ein paar Männer in Anspruch genommen.Der Aufenthalt auf der Gasse war zu groß; ein Jeder wollte Näheres von dem Bevor-zugten erfahren, was man gefunden, entdeckt, und Gevatter Hcubach erzählte gerne. DieAngelegenheit war auch zu wichtig, und es wäre mehr als herzlos gewesen, die gutenFreunde und Freundinnen, welche nicht dabei sein durften, nicht so viel als möglichzu befriedigen.
Die Zeit verging indessen.
Vier Uhr hatte die Schloßuhr schon längst geschlagen, und schon hob sie aus, umdie Hälfte der fünften Stunde zu verkünden.
Auf Verlangen des Untersuchungs-Richters mußte Andres noch einmal erzählen,was er in jener Nacht gesehen, an Ort und Stelle andeuten, wie er den Verbrechergefunden, welche Bewegungen er gemacht.
Willig verstand sich der wackere Meister dazu.
Er stellte sich vor den Brunnen, genau an den Platz, wo er den Laibel gesehenund — siehe da! — es war die Stelle, wo die Blutlache auf den Platten, die blutigenFinger zu schauen waren.
Er hob die Arme; wie Laibel es gethan.
Er ließ sogar den Schrei — oder einen ähnlich klingenden — ertönen, wie er ihnvon Jenem gehört.
Doch fast war seine Kraft zu Ende. Die Aufregung war auch zu groß und ge-waltig, für den armen Mann — denn dort saß der alte Jugendfreund, der reiche unddoch so arme Herr von Frcikamp; er hörte, sah ihm mit größter Spannung zu undwischte sich Thräne um Thräne aus den Augen.
Das war zu viel, mehr als der arme, angegriffene Andres ertragen konnte, under mußte ablassen von seinem Thun.
Es war ein Glück, daß endlich Gevatter Hcubach mit seinen Feuerleitern wiederauf dem Schauplatz erschien, nun konnte er — Andres — doch wieder in etwas ruhen.