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den armen Herrn von Freikamp trösten, ihm helfend bei und zur Seite stehen im letztenharten und entscheidenden Augenblick, der jetzt wohl bald herannahen durfte.
Nun ging es an's Werk.
Die Stricke, welche in dem furchtbaren Drama bereits eine Rolle — und welche! —gespielt zu haben schienen, mußten herhalten, um die beiden Leitern zusammenzuschnüren.Dies gethan, wurde die lange schwanke Sprossentreppe in den Brunnen hinabgelassen,was indessen nicht ohne Mühe und nur langsam, mit größter Vorsicht bewerkstelligtwerden konnte.
Doch der Brunnen war tief und die beiden Leitern erwiesen sich als zu kurz.
Die Männer mußten sie mit vereinten Kräften halten, denn vollständig waren siein dem Schacht verschwunden, in das Wasser hinabgetaucht, ohne den Boden des Brun-nens erreicht zu haben.
„Das Seil herab!" commandirte Heubach.
Der Herr Untcrsuchungs-Richter legte selbst Hand an und zog das Brunnenseil mitdem breiten, schweren Haken herab.
Im nächsten Augenblick faßte der Haken die letzte Sprosse der Leiter, zwei derMänner ergriffen das Seil und vollends senkte sich die schwanke Treppe in den dunklenBrunnenschacht hinab.
Endlich stieß die Leiter auf den Boden des Brunnens.
Fest saß sie auf, doch ihre oberste Sprosse befand sich jetzt etwa zehn Fuß tiefer alsher Rand des Brunnens.
Wie Hinabkommen?
Gevatter Heubach wußte Rath. Er löste den Haken von der Sprosse, zog dasSeil an und sagte dann zu den Männern:
„Jetzt merkt aus! Ich steige mit dem Fuße in den Haken, klammere mich um dasSeil, und Ihr laßt mich hinab, bis ich die Sprossen der Leiter mit den Füßen erreichenkann. Dann haltet Ihr das Seil, damit Ihr mich jeden Augenblick wieder aufziehenkönnt."
So geschah es, und nach wenigen Minuten verschwand der kühne Mann in demBrunnenschacht.
Jetzt hatte er die Sprossen der Leiter erreicht. Auf ihnen stieg er in die Tiefehinab, versuchend, der stillen, trügerisch schimmernden Wasscrfluth dort unten, ihr schreck-liches, blutiges Geheimniß zu entreißen.
Lautlose Stille herrschte in dem Hofe.
Den um den Brunnen Versammelten schien der Athem zu stocken.
Da ertönte in der Tiefe ein lauter, gellender Schrei, Furchtbares kündend.
Alle blickten entsetzt, erwartungsvoll über den Rand des Brunnens in die Tiefe.Wie ein Gerichteter saß der alte Herr von Freikamp da. Sein Urtheil wähnte er ge-sprochen, und mit beiden Händen bedeckte er die weinenden Augen, um das Schreckliche,das sich nun offenbaren würde, nicht sofort zu sehen.
Gevatter Heubach stieg die Sprossen der Leiter hinan, rasch und eilfertig. In seinerHand hielt er einen Gegenstand — das konnte man nunmehr deutlich sehen.
„Auf!" commandirte er mit erregter Stimme.
Und die Männer zogen das Seil an; der kühne Mann kam zu Tage.
Tiefaufathmend setzte er sich auf den Rand des Brunnens und reichte dem Beamtensen kleines nasses Seidentuch, das er unten an einem vorspringenden Steine hängendgefunden.
Zugleich rief er den Männern zu: „Einen Feuerhaken holt!"
Und fort sprangen der Männer zwei, im eiligsten Lauf, das verlangte Gerätheherbeizuholen. (Schluß folgt.)
Druck, Verlas und Redaktion des literarilchen Instituts von vr. M. Huttler.