Ausgabe 
28 (13.9.1868) 37
 
Einzelbild herunterladen

Nr. LV.

13. Septbr. 1868.

Augsburger

Die Welt ist nickt aus Brei und Mus geschaffen,

Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen;

Harte Bissen gibt es zu kauen:

Wir müssen erwürgen oder sie verdauen. ",

Gvthe.

Auch eine Crimirial-Geschichte.

(Schluß.)

Noch betrachtete der Untersuchungs-Richter sinnend das kleine Tuck,' als plötzlichHanne, die Magd, aufschrie:Das ist das Tuch des kleinen Karl! O, ich kenne es,er hat es an jenem Samstag noch getragen!"

Es war kein Zweifel mehr, der Brunnen barg die Leichen der drei unglücklichenOpfer. Alle Anwesenden waren tief ergriffen.

AuS einer Hand wanderte das kleine nasse Tuch zur andern.

Als der alte Herr von Freikamp es von seinem treuen Andres erhielt, drückte ereS weinend an seine Lippen. Doch die Zeit verging. Fünf Uhr schlug es auf der altenSchloßuhr. Endlich kehrten die beiden Männer mit dem Feuerhaken einer langenStange mit einem spitzigen, stark gekrümmten Haken zurück.

Aufgepaßt!" rief Hcubach. Und abermals verschwand er in dem Brunnen, umvermittelst des langen Instrumentes die auf dem Boden ruhenden Leichname heraus-zufischen. Abermals entstand eine Pause banger trauriger Erwartung.

In der Tiefe stand der kühne Schlosserm'eister auf der letzten freien Sprosse derLeiter und durchfuhr mit dem Haken das Wasser des Brunnens nach allen Richtungen.Plötzlich ließ er einen neuen gellenden Schrei hören.

Da sind sie!" erklang es dumpf aus dem tiefen Schacht empor.

Doch sonderbar! So schwach der Ruf auch an die Ohren der im Hofe Anwe-senden gedrungen, die auf der Gasse Versammelten mußten ihn auch gehört haben, denndort rief eS ebenfalls:Da sind sie! da sind sie!"

Aus der Tiefe stieg Hcubach langsam auf, einen anscheinend schweren Gegenstandan seinem Haken emporzichend.

In diesem Augenblick ertönte ein furchtbarer, markdurchdringcndcr Schrei. Deralte Herr von Freikamp hatte ihn ausgestoßen. Und er hatte volle und gerechte Ursachedazu. Der Tumult auf der Straße war stärker geworden wie ein Orkan war erangewachsen. Die Thorflügel waren weit aufgerissen worden und allerlei Personen, derOrtsgerichts-Diener und des Befehls des Herrn Untersuchungs-Richters nicht im Mindestenmehr achtend, eingedrungen.

Unter der Thorhalle, am Eingang zum Hofe, stand eine Gruppe, bei deren AnblickHerr von Freikamp den furchtbaren Aufschrei ausgestoßen.

Es war ein stattlicher Mann von dreißig und einigen Jahren und ernstem, etwasdüsterem Aussehen. Auf dem Arme hielt er ein kleines Mädchen. Eine junge Fraustand neben ihm, welche einen Knaben von etwa neun Jahren an der Hand führte, «ndhinter ihnen zeigte sich das Antlitz einer älteren Dame.

Jetzt hatte sich Herr von Freikanrp gefaßt und

Dore! meine Dore! Wallborn meine Kinder!" schrie er noch lant auf, die

,