sn, — „war meinrr Mutter einziger Bruder — und im Leben nie habe» wir lh» miteinem Worte beleidigt."
„Lebt Ihre Frau Mutter noch?" fragte der Testaments-Vollstrecker.
Olcarius schüttelte das gebeugte Haupt.
„Dann ist das Testament gültig und kann in keiner Weise angefochten werden" —fuhr jener fort. „Der Herr da ist 'weder ^soenckont noch Desovnckunt von demvusunato, und darum konnte der Letztere nach freiem Belieben mit seiner Verlassenschaftgebühren. Ueberdicß hat er dieselbe einer pin oau8a zugewendet und schon aus diese»Grunde ist das Testament rechtskräftig. Wir bedauern den Herrn, können ihm abernicht helfen."
„Lurban — wenn ich's opfere" — murmelte Olcarius mit des Heilands Worte»über die Pharisäer bitter in sich hinein. Als aber die andern Anwesenden Worte auf»richtigen Bedauerns an den Acrmsten richteten, erhob dieser etwas getrösteter das Augegen Himmel und die gefalteten Hände mit dem wcrthlosen Vermächtnisse des Oheim»gegen die volle Brust gepreßt, sprach er in sanfter Ergebung: „Herr, dein Wille geschehe,Amen!" Dann wankte die gebeugte Gestalt aus dem Zimmer. Noch hatte OlcariuSbesten Schwelle nicht überschritten, als aus den Papieren des Sackes etwas herunter fiel.Ein Aufwärter hob den dahin gerollten Gegenstand auf. Es war ein holländischerDukaten, den jener, da der in sich versunkene Candidat auf die an ihn crgangene Auf-forderung ihn nicht in Empfang nahm, demselben in die Westentasche steckte.
Am Nachmittag desselben Tages stand Olcarius an dem frischen Grabe deS harte»Oheims. „Da liegt er," sprach er grollend. „Bald wird ein prächtiger Leichenstcin derNachwelt verkünden, waS Großes und Rühmliches er der leidenden Menschheit bewiesen.Aber verschwiegen bleibt, daß der gepriesene Wohlthäter seine leibliche Schwester derbittersten Armuth preisgegeben, seinen einzigen Blutsverwandten verstoßen, enterbt — janoch mehr, auf das Entsetzlichste verhöhnt und gemißhandelt hat Und wenn er mir nurwenigstens den zweihundcrtslcn Theil seines Reichthums vermacht hätte! Dann würdedie Eharitä noch immer mehr als 80,000 Thaler erhalten haben, ich aber hätte denbeiden armen Waisen die geraubten 400 Thaler wieder erstatten können." Der Schmerzübermannte ihn, und die Hände zum Himmel emporhebend, rief er aus: „O Mutter!Mutter! Auf welche Weise magst Du Deinen Bruder drüben in der Ewigkeit em-pfangen haben?"
Nach einer stummen Pause, in der er etwas ruhiger geworden war, hob er wiederan: „Da hat mir mein wackerer Wirth den Rath ertheilt, einen Advokaten anzunehmenund mein Gesuch um Wiedcrhcrauögabc der geraubten Sechstel vor den Finanzministerzu bringen. Aber welcher Advokat wird sich eines Mittellosen annehmen wollen?"
Er griff in die Westentasche und zog den Dukaten hervor, welcher aus dem letzt-geschricbencn Jahrwunsche gefallen war. „Ich wollte ihn dem Oheim in's Grab stecken"— sprach er — „wenn ich aber wüßte, daß er der Dietrich würde, um mir das Herzeines Advokaten zu erschließen, so wollte ich selbst für die kleine Gabe dem Verblichene»noch großen Dank wissen."
Eist nach mehreren Tagen supplicirte Olcarius, einen Rcchtsbcistand zur Seite, vordem mächtigen Finanzminister, und zwar der Candidat aus stumme Weise durch seineJammergestalt, der Advokat dagegen in einer wohl überdachten Rede. Letztere beantwor-tete das Staats-Organ ziemlich barsch:
„Will der Herr etwa" — sprach er hitzig — „das erst erlassene königliche Gesetzbereits wieder durchlöchern? Der Gerechtigkeit eine Nase drehen? Nichts damit! DieSechstel sind und bleiben consiscirt. Dies mein erster und letzter Bescheid." Nach diesenWorten wendcle der Minister sich ab und zwang so die Bittsteller zum Rückzüge. Aufdemselben begriffen, sprach der Advokat zu seinem Clienten: „Das Gewissen diesesFinanzministers ist vergriffen und abgenutzt wie einer Ihrer alten Sechstel. Ein Mittel