Ausgabe 
28 (4.10.1868) 40
 
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die Antwort. «Die lumpigen paar alten Sechstel sind jedenfalls nur eine Bagatellegegen das, was der Herr von hier mit fortnehmen wird. Gratulire recht sehr zuder Erbschaft."

Der Mauthbcamte wendete dem Candidaten den Rücken zu und sing an, die Sechstel-stücke in das Wachthaus zu schaffen. Die ferneren Vorstellungen des Reisenden beant-wortete er dadurch, daß er einen in der Nähe stehenden Lastträger herbeirief und dem-selben auftrug, das Gepäck des Candidaten in's Gasthaus zum «goldenen Schlüssel" zubringen.Sie werden mir," wendete er sich hierauf an Olearius «für diese Em-pfehlung gewiß Dank wissen, denn der Gasthof ist gut und nicht zu theuer."

Mechanisch folgte Olearius dem rüstig voranschreitenden Gepäckträger, eine stilleVerzweiflung hatte sich seiner Seele bemächtigt. Wie Berlin aussah, welche Straßen undPlätze er betrat, gewahrte er nicht. Einmal nur erhob er Augen und Hände genHimmel, laut seufzend:

,O Welt voller Ungerechtigkeit und Bosheit!"

Das Kammergcricht war versammelt. Des Candidaten Papiere, Paß und Tauf-schein wurden cxaminirt; er selbst und die anderen Vorgeladenen standen crwartungs-rll da. Der Verstorbene begann, wie üblich, sein Testament im Namen des dreieinigenGottes, welchem er seinen Geist befahl, den Leib wollte er Prunklos zwar, doch anständigzur Erde bestattet wissen, was auch bereits geschehen war.

Seiner alten Wäscherin, die dem alten Hagestolzen seit langen Jahren die Wäschebesorgt hatte, vermachte er 12 Thaler, welche derselben in eben so vielen monatlichenZahlungen verabfolgt werden sollten. Ein vicljähriger vertrauter Freund bekam einLegat von 25 Thalern und die Charits zu Berlin als Universal-Erbe die ganze übrigeVcrlassenschast, welche allein an baarcm Gelde und ausgclichcnen Capitalien über80,000 Thaler betrug. Die beiden Erstbcdachten machten ob der geringfügigen Erbschaftellenlange Gesichter; die Administration der CharitS hingegen pries laut des Seligenfrommen Sinn, und dem Candidaten, dessen Namen noch nicht im Testamente vorge-kommen war, drohte die volle Brust zu zerspringen.Endlich" schloß der Erblasserin «einem Testamentesoll dem Candidaten Gottfried Olearius in Langcnsalza der,mit seiner Adresse versehene und versiegelte Papiersack eingehändigt werden!"

Der fragliche Sack wanderte aus einer Hand in die andere, bis er in diejenigedes Candidaten gelangte, welcher die kleine Bürde vor Zittern kaum zu halten vermochte.

Ocffncn Sie" gebot der Vorsitzende damit wir, im Falle, daß der SackWechselkurse oder StaatSpapicre enthielte, hinsichtlich des Erbstcmpels das Nöthigebesorgen können."

Das Siegel knackte unter Gottfrieds bebenden Fingern. Indem er den Sack aus-schüttete, gedachte er unwillkürlich an den Sägcspähnkasten der alten Base und des daringemachten reichen Fundes. Statt dessen aber kamen jetzt zwölf goldgerändcrtc, zierlichbeschriebene Jahrwünsche zum Vorschein, welche Olearius von seinem vierzehnten Jahrebis zum lctztvcrgangencn Neujahre dem reichen Oheim gewidmet und zugesandt hatte.Eilf davon hatte der Verblichene ausgelöst mit eben so vielen Dukaten, der zwölftedagegen war unter der Jüngerzahl gleichsam der Judas Zscharioth denn wenigstensfühlte sich der arme Olearius jetzt wie verrathen und verkauft. Die Beisitzer des GcrichtSsahen theils betroffen sich unter einander an, theils bedauerten sie den Getäuschten, vondessen Angesicht jede Spur von Farbe gewichen war, dessen Augenpaar gebrochen undrrstarrt auf seinen nur zu wohlbekannten Schriftzügen haftete.

Endlich raffte Olearius all' seinen Muth zusammen. Bevor er aber die Lippenzum Sprechen öffnete, mußte er erst durch mehrmaliges Schlucken, den ganz ausgedörrtenGaumen nässen.

Der Selige" hob er leise und mit dem Ausdruck des tiefsten SrclcuschmerzrS