Nr. HO.
4. Octbr. 1868.
Das größte will man nicht erreichen,Man beneidet nur seines Gleichen;
Der schlimmste Neidhart ist in der Welt,Der Jeden für seines Gleichen hält.
Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie.
m.
Die verhängnißvollen Sechstel und das Testament.
Wenn Unglück auch an Unglück sich will ketten,
Vertrau' auf Gatt, er wird gewiß dich r.tt.n.
Der Postwagen hielt am Thore zu Berlin . Die Accis - Beamten fielen über dasGepäck der Reisenden her.
„Was enthält dieser Koffer?" fragte einer von ihnen barsch. „Colonialwaaren
vielleicht? Kaffee, Zucker? Denn verteufelt schwer ist er zu heben."
„O nichts, nichts von dem Allen, mein Herr!" versetzte sehr höflich der Besitzer
dcS Koffers, der Candidat Olcarius — „es sind blos 400 Thaler in alten Sechsteln
und etwas Wäsche darin."
„Was? alte Sechstel!" wiederholte der Mauthbcamtc hastig. „Aufgeschlossen! —Schnell! schnell?"
Olcarius gehorchte und sah mit Erstaunen, wie seine ehemaligen Grützcsäcke mitden Sechsteln herausgenommen und auf einen Hansen geworfen wurden.
„Mit Verlaub, mein Herr!" sagte er betreten, „müssen denn die Sechstel ver-steuert werden?"
„Das nicht! aber consiscirt sind sie!"
„Con — fis — cirt?"
„Ja! haben Sie denn nicht die Cabinets-Ordre Sr. Majestät des Königs gelesen,welche die alten Sechstel außer Cours setzt?"
„Davon ist mir kein Sterbenswort bekannt," cntgcgncte der Candidat, „aber wenndie alten Sechstel in dem preußischen Land außer Cours gesetzt sind, so will ich siewieder mit mir nach Langcnsalza nehmen, dort haben sie noch immer ihre volle Geltung."
Der Accis-Beamtc lachte höhnisch. „Bekümmern sich der Herr nur nicht weiter umdie Sechstel," meinte er. „Dieselben sind durch die königliche Verfügung den verbotenenWaaren gleichgestellt worden. Sie haben sie einzuschmuggeln versucht und daher werdensie mit vollem Rechte consiscirt."
Olcarius ward bleich wie der Tod. „Aber mein lieber Herr —" sprach er mitzitternder Stimme — „die Sechstel sind ja nicht mein Eigenthum, sie gehören vielmehrzweien Waisen an, die außer ihrer Unschuld nichts weiter in der Welt besitzen. Ichbin der Neffe des kürzlich hier verstorbenen Gerichts - Assessors Zang und von Obrigkeitwegen aufgefordert worden,, der Publikation des Testaments beizuwohnen. Bei dieserGelegenheit haben mich die Inhaberinnen der fraglichen Sechstel gebeten, ihnen dafür hierKammerscheine einzukaufen. Sie sehen hieraus, daß ich demnach für das Geld verant-wortlich bin und dafür zu hasten habe."
»Ha, das kann der Erbe des steinreichen Gerichts-Assessors auch recht gut," lautete