Ausgabe 
28 (4.10.1868) 40
 
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Ich führe die Kinder auch selbst, so weit ihre Einsicht reicht, mit ein in das Ver-ständniß eines für das andere, ich zeige ihnen die Schwäche des einen und laste sie inihrem Gefühle Milde mit mir üben und zeige ihnen die Kräfte anderer, und laste siemeine Ansprüche mit erkennen. Auch wehre ich ihnen nicht, wie es in Schulen gewöhnlichder Fall ist, daß eins das andere unterstütze, sondern fordere sie dazu auf; die ganzeWelt besteht ja aus den Unterstützungen, die Einer dem Andern leistet; sie fordern sichaber selbst auf, auf eigenen Füßen zu stehen, und nehmen gegenseitig Antheil an ihrenLeistungen. So regen sie sich zur Thätigkeit an. Indem fast alles gemeinschaftliche An-gelegenheit wird, verbreitet sich über den Kindergarten immer mehr Gemüthlichkeit und sieist größtentheils mit der Zauber, den er über die Kinder übt. Es ist wunderbar zuschauen, welche Veränderung in das freie Spiel der Kinder tritt. Im Anfang, in ihrerfreien Zeit toben sie nur wüst und vereinzelt umher, jedes eigener Laune folgend; baldaber kommen Gedanken in ihre Spiele und sie vereinigen sich, sie geben den Egoismusauf, um zu einem Ganzen zu gelangen. Wie der Egoismus den Kindern überhaupt beidieser Gemeinsamkeit verschwindet, davon habe ich schöne Beispiele erlebt, wie denn vonvon Tag zu Tag mehr sittliches Streben in ihnen rege wird. So gibt es auch keineVerheimlichung eines Vergehens bei uns, indem keine Furcht die Kleinen mir fern hält;sie kommen und klagen mir es gleichsam, wenn sie etwas begangen, damit ihnen dasHerz wieder leicht werde, indem ich es ihnen verzeihe und ihnen Muth zu sich selbstzurückgebe, indem ich für die Zukunft an ihren guten Willen appellire. Es ist wirklichrührend, wie schon nach wenigen Tagen die Kinder mir am Morgen mit der freudigenVersicherung entgegenkommen: sie wollen gut sein. Alle Talente, alle Bildung gelten mirnirgends als Zweck, sondern als Mittel zur Sittlichkeit. Dieses Gefühl athmet auch inmeinen Kindern."

An Cmanuel Geibel

Als Frauendicbter unbezwungenHast du manch' schönes Li d vollbracht,Dock was zu Lübeck du Ä sungen,

Das hast du nimmer ernst bedacht.

Und jetzt? dem da so hochentzücktDein Geist ein Morgenlied ersann,Dem du die Krone aufgedrückt.

Ich frage, kanntest du den Mann?

Du konntest Männer einst verführenMit dichterischem Sehnsuchtslautlach einem Helden, heimzuführenGermania, die hohe Braut.

Hast jenen Märztag du vergessen,

Und Badens Boden blut'groth,

Den Hohn, zu dem man sich vermesse«, ,Ob eines Volkes Zorn und Noth?

Und unter einem Eichenbaum,

Da schlumm're leise sie und leiserUnd träume einen Morgentraum,

Von ihrem Heiland, Herrn und Kaiser.

Was er der Freiheit zugefügt.Er, deines Reiches Auferbaucr,O sieb, wie sie geschlagen liegt

Wehklagend in der tiefsten Trauer.

Ha, welch' ein Traumbild! Auserwählt,Weil er als Bester sich erwiesen,Umdrängt äst' Volk ibn ungezähltUm seinen Retter zu begrüßen.

Nickt weiter mehr! Es ist bewahrt,Und unvcrgcßbar ist's geblieben!

Doch dir, du Dichter neuer ArtSei noch ein Dcnkspruch aufgeschrieben:

Und daß die Freiheit dann errungen,

Daß Haß und Knechtschaft dann entweiche,So hast prophetisch du gesungenManch hohes Lied vom deutschen Reiche.

Schon mancher Schwächling, schlechtund recht,

Hat sich zum Sklaven dienst ver-miet hct,

Doch jener ist der schlimmste Knecht,Der seine Ketten selber schmiedet.

V-r.

Drus, Derlaa und Redattto» de- literarischen Jnstitnts von Dr. M. Huttler.