Ausgabe 
28 (4.10.1868) 40
 
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»Ich hatte noch ein kleines Mädchen mit einem häßlichen Ausdruck im Gcsichtchcn;eS war der einer entschieden rohen Sinnlichkeit; dabei war sie heftig, leidenschaftlich inallen Aeußerungen und zeigte für jeden Gegenstand entweder eine ungcbändigte Neigungoder Abneigung. Auf das Essen hatte sie eine wahrhaft wilde Gier; wenn ihr dasFrühstück einfiel und es wurde ihr verweigert, wollte sie sich oder ein anderes Kindbeißen. Ihr Wesen war durch eine sehr lebendige und ungezügelte Phantasie veranlaßt,und es galt, diese in eine angemessene Bahn zu lenken, indem künstlerische Elemente inihr geweckt wurden; ich fand und regte besonders Lust und Talent zum Bauen in ihr an,wie zu ähnlichen kleinen Beschäftigungen; sie wird später mit Geschick zeichnen. Vorzüglichsuchte ich sie zu eigenen Erfindungen aufzumuntern, indem ich zugleich den Schönheitssinnin ihr erregte. So wurde ihre Phantasie gebildet und gefesselt, indem sie doch zugleichden Raum gewann, sich frisch auszuleben. Die Entwicklung der geordneten Produktionskraftund des ästhetischen Gefühls ist der Weg zum moralischen Menschen. Das kleine Mädchenwurde gesitteter in ihrem ganzen Wesen und auch ihre Züge gewannen einen edleren Aus-druck. Auch bei einem Knaben habe ich Rohhcit, wenn auch in anderer Form, durchkünstlerische Einwirkung bezwungen. Er fand nur Vergnügen im Schreien und Toben;ich bemühte mich, auch in ihm das ästhetische Gefühl zu wecken durch Gesang, durchBauen, symetrische Figuren u. s. w., indem ich ihn überall auf das Schöne aufmcrtsammachte, und so währte es nicht lange, daß ihm das Schreien und alles rohe Durcheinanderzuwider wurde. Und zur Anregung der einen Kinder dienen die Darstellungen der andern:das von einem Kinde geleistete wirkt am lebendigsten wieder auf ein Kind. So gelingtes mir.immer mehr, bei einem sehr gedankenlosen Knaben, indem ich bei allen Beschäftig-ungen seine Aufmersamkcit auf die phantasiereichsten Kinder lenke, Phantasie in ihm selbstzu wecken. Zugleich litt er an Vertrauen zu sich selbst; aber das Beispiel au andernKindern, daß sie etwas leisten können, gibt ihm mehr Muth und Willenskraft,"

Es haben nur ein paar Falle stattgefunden, wo ich mit wirklicher Strenge verfahrenbin. Ein noch ziemlich kleiner Knabe, energisch in seinen Formen wie in allen Bcwcg-ungcn, ging immerfort seinen eigenen Weg im Kindergarten, keine unserer Beschäftigungenrührte ihn; ich richtete aber auch keine unmittelbare Aufforderung an ihn, bis er Zeitgehabt halte sich zu gewöhnen und sein Widerstand Eigensinn wurde. Da hielt ich ihneinmal bei einer besonderen Widersetzlichkeit so lange in einer Ecke gefangen, bis er sichbereit erklärte, zu thuu was ich von ihm verlangte, was erst nach unzähligen abschlägigenAntworten geschah. Von diesem Augenblicke an hat dieser Knabe nie wieder eine Spurvon Ungehorsam gezeigt; er ist der eifrigste von allen und noch dazu liebt er mich unbe-schreiblich seit jener Scene. Solche Charakter gewinnt man nur, indem man sich stärker,zeigt, als sie selbst sind; aber man hüte sich, zu früh, wenn ihr Widerstand noch inihrer ursprünglichen Natur begründet ist, mit Strenge einzuschreiten; dann wird man nieeinen wohlthätigen Einfluß auf sie üben, denn sie haben den Eindruck einer Ungerechtigkeitempfangen. Ein anderer Fall, wo ich Strenge anwenden mußte, war bei einem Knabenganz entgegengesetzter Art; es war eine entschiedene Künstlernatur, der es so schwer wird,mit ihrer reichen Phantasie sich an Gesetz und Ordnung zu knüpfen. Ich überließ ihnerst einige Zeit seinen eigenen Ideen, und cS war wirklich reizend, ihn in seiner ganzenUnmittclbarkcir anzuschauen: er nimmt gerne an Spielen Theil, die irgend eine künstlerischeForm haben, aber unwillkührlich trifft er überall Abänderungen, es ist ihm gar nichtmöglich, sich ganz in fremden Gedanken zu bewegen, er muß überall eigene hinzufügen,die fremden dienen ihm nur zur Unterhaltung, nur zur Anregung eigener. Hier laste ichihn stets gewähren: doch seine Freiheit muß genau ihre Grenzen haben, da nämlich, woden Gehorsam nicht Gedanken ersetzen, sondern Laune und Eigenwille eintritt. Äch warteteaber wohl ab, bis ich der Liebe dieses Kindes ganz sicher war, ehe ich mit Strenge gegenseine Launen einschritt: indem er mich aber liebte, war er auch von meiner Liebe nochdurch die Strenge überzeugt, und so fühlte er dabei keine rauhe Hand."