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besten entgegengewirkt, daß man gewissen Kindergärten andere entgegensetzt. Wir gestattenuns daher in Nachstehendem eine fenilletonartige Schilderung, wie sie eben durch dieBlätter läuft auch hiehcr zu setzen, woraus man Prinzip und Methode einigermassenersehen kann. Es ist ein Auszug aus einem Aufsätze, den eine berühmte Kindergärt-nerin in Kiel (Frau O. S — r.) veröffentlicht hat.
„ — — Wir werden in unserm ganzen Benehmen gegenüber den Kindern, so schreibtdieselbe von dem Gedanken geleitet, daß nur gute Kräfte in dem Menschen niedergelegtsind, *) in deren richtigen und harmonischen Zusammenwirken seine Bestimmung ruht;daß die in die Erscheinung tretenden Fehler und Gebrechen nur die Folge einer einseitigenEntwicklung sind. So erkenne ich in der sogenannten Ungezogenheit, dem ausgetretenenUebcrmuth, nur einen Ucberschuß Einer Kraft; schon das Wort bezeichnet es: Uebcrmuth.Die physische Kraft ist der geistigen überwachsen; man gebe ihr eine gute Richtung undGedanken. Zugleich rufe ich gerne eine entwickelte gute Eigenschaft in dem Kinde mirzu Hülfe auf gegen seine Fehler, vorzüglich aber den eigenen Willen indem ich das Gutelebendig in ihm mache. So gelang es mir in Kurzem, einen äußerst wilden, unbändigenKnaben, dem eine ruhige Beschäftigung oder ein geordnetes Spiel eine Unmöglichkeit schienzu bändigen. Sein treues, leicht sich färbendes Gesicht verrieth mir bald ein zu weckendesRechts- und Ehrgefühl in ihm. Ich stellte ihn an, mir zu helfen Recht und Ordnungherzustellen, indem ich ihm zeigte, wie ihre Abwesenheit das Ganze störe; ich ließ ihn dieim Garten sich verfliegenden Kinder herbeiholen, oder mit Sorge tragen, daß sie an ihrenPlätzen blieben, vorzüglich durch eigenes gutes Beispiel; daß die Beschäftigungsmittcleingehalten und gut aus- und eingepackt wurden; ich ließ ihn beim Kommen uudbeim Fortgehen vorausgehen, mit dem Auftrage, als Vorbild guten Betragens zu dienen,und e.r war wahrhaft wunderbar, wie Plötzlich das ganze Wesen dieses Knaben gczügcltwar. Mit wahrhafter Begeisterung hielt er sich im Zaume und diese Begeisterung über-trug er zugleich auf mich; meinen Augen lauschte er wirklich ab, was ich von ihm wünschte.Ich bin öfters gefragt worden, welcher Zauber die Kinder so rasch an mich fcßle und siezum Gehorsam zwinge, ohne daß ich sie in Furcht und Strenge hal c? Mein uner-schütterlicher Glaube an das Gute in ihnen ist es! und indem ich es ihnen zum eigenenGefühl und zur Erscheinung bringe, werden sie mir dankbar und liebreich."
„Ein einziger Knabe machte mir wirklich einen Monat Sorge: er schien wirklichFreude daran zu finden, andere Kinder zu quälen; er stach und kniff sie heimlich, wennsie ganz ruhig und unbekümmert dasaßen. Dabei war ihm wie ein böses Gewissen in'SGesicht geschrieben und mir ging er möglichst aus dem Wege. Natürlich konnte ich solcheUebclthatcn an andern Kindern nicht ohne Vorwürfe hingehen lassen, ich wußte aber wohl,daß diese nur die andern Kinder beschützten, aber den häßlichen Trieb in ihm nicht aufhoben,nur sein verstecktes Wesen noch begünstigten. Ich suchte mir baldigst über die Ursache seinesWesens klar zu werden. Ich bemerkte, daß er für sein Alter sehr unentwickelt, geistigganz zurückgeblieben war; die Körperkraft hatte sich auch einseitig entwickelt und wirktenun ohne Gemüth und ohne Verstand; die Strafen aber, die sein Wesen ihm zuzogen,hatten ihn nur Hinterlist gelehrt. Meine Aufgabe war nun, sein Gemüth zu erwärmenund Verstand in ihm zu erwecken; ich zog ihn in meine Nähe, ich heftete,mein Auge aufihn, wenn ich etwas erklärte, wenn ich Bilder hcrumzeigte, wies ich sie ihm zuerst, ichfragte ihn zuerst bei den Bewegungsspielen, ob er mit unter den Darstellenden sein wolle;das gab ihm, der wahrscheinlich schon lange an Strafen und Zurücksetzungen gewöhntwar, den Eindruck einer Bevorzugung von meiner Seite und frischte zugleich immer seineAufmerksamkeit an. Es währte nicht lange, daß er mich nicht mehr mied, sondern michinnigst liebte uud, indem sein Gemüth warm wurde und zugleich Interesse in ihm rege.hörten von selbst jene kleine Bosheiten auf. Sein Gesicht klärte sich förmlich auf."