Ausgabe 
28 (11.10.1868) 41
 
Einzelbild herunterladen

Gerechtigkeit zu Theil werden sollte? Aufhängen! Selbstmord! hat je der Gedanke darannur im Entferntesten in meiner Seele gelegen? Und nun erfüllt er dieselbe plötzlichganz gegen meinen Willen. O, mein Herr und Gott!" er blieb stehen und faltete seineHände;laß mich nicht über mein Vermögen versucht werden, sondern laß die Versuchungso ein Ende gewinnen, daß ich sie ertragen kann."

Gefaßter wandelte er in Potsdam ein. Die reizenden Aussichten von der Havel -brücke aus waren für ihn nicht da; sein Blick haftete lediglich auf des nahen SchlaffesZinnen, in welchem der Mann wohnte, von welchem er die Entscheidung über seinSchicksal erwartete. Vor Friedrich den Zweiten sollte er hintreten vor den Helden,den König, den Sieger in drei blutigen Kriegen und über halb Europa , vor ihn, dengroßen Geist, welchem gegenüber ganz andere Männer, als er, gezittert hatten! Aberdas Glück schien den Candidaten begünstigen zu wollen. Vor dem Schlosse angelangt,sah er den Monarchen sofort, welcher seine Soldaten exercieren ließ.

Es war um die Mittagsstunde. Der König wurde von einem Schwärme hoherOffiziere umringt, in deren Kreis der Candidat um keinen Preis sich gewagt hätte.

Aber doch sah er auf's Neue die Wahrheit bestätigt, daß die Furcht vor einemDinge oft das Schlimmste sei. Denn der gcfürchtete, große König sah aus, wie jederandere Mensch, ja er ging sogar einfacher gekleidet und weniger besternt als seine Generaleneben ihm. Seine Stimme hallte nicht wie Posaunenton, und nicht erzitterte die Erdeunter seinen Tritten. Aber, aber die Macht, die in der kleinen Hand dieses einzelnenMenschen lag! Dieser Gedanke war es, welcher den Supplicantcn abhielt, sich demMonarchen selbst dann zu nähern, nachdem dieser seine Soldaten entlasten und sich inden angrenzenden Lustgarten begeben hatte. Olearius, in größter Unentschloffenheit, warfseine Papiere aus einer Hand in die andere. Dies und die Leidensgcstalt des Aermstengewahrten bald vier Offiziere, welche noch auf dem Schloßplätze zurückgeblieben waren.

Bekannt ist's, daß in den damaligen Zeiten der zweiten Hälfte des achtzehntenJahrhunderts, der Soldatcnstand gar zu gern auf Unkosten des Priestcrstandes sich lustigmachte, welcher dafür nicht ermangelte, die Spötter gehörig abzukanzeln.

Wohl mochte es nicht die Nächstenliebe sein, welche die Offiziere nach des Candi-daten Anliegen forschen ließ, als sie aber den Thatbestand erfahren hatten, gedachten siemit einem Schlage zwei Fliegen zugleich zu treffen; sich einen köstlichen Spaß, demSupplicantcn dagegen sein Recht zu verschaffen.

Unter dem Vorgeben, daß der große König heute absonderlich bei gnädiger Launesei, ermunterten die Offiziere den Candidaten, in den Garten zu treten und daselbst denKönig aufzusuchen. Und als Olearius zauderte, diesem Vorschlage Folge zu leisten, er-griffen zwei Herren ihn bei den Armen und führten ihn fast gewaltsam in denGarten hinein.

Sie fanden den König über der Betrachtung einer Pflanze, und von einigenGärtnern umgeben.

Die Offiziere geboten Olearius, im Garten stehen zu bleiben, und daselbst denKönig zu erwarten, welcher ihnen den Rücken zukehrte. Hierauf kommandirten sie mithalblauter Summe den bangenden Supplicantcn:Den Hut herunter, unter den linkenArm! Den rechten Fuß vor! Den Kopf in die Höhe! Die Briefe aus der Tasche«nd mit der rechten Hand hochgehalten! So steht!"

Der arme Candidat gehorchte willenlos, obgleich er dunkel begriff, daß man seinenSpott mit ihm treibe. Aber die Furcht vor den mit Orden und Sternen besäeteuOffizieren ließ keinen Versuch der Widersetzlichkeit emporkeimen.

Nachdem Olearius also, einer Vogelscheuche gleich, seine Stellung genommen, ent-fernten sich die Herren unter mühsam verbissenem Lachen, sich öfters umsehend, ob ihr«euer Rekrute seinen Platz auch standhaft behauptet, dieser aber sah nichts, d enn er hieltLas Auge starr in die Wolken gerichtet.