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Mit klopfendem Herzen mochte Olcarius einige Sekunden in dieser himmelstürmende«Situation verharrt haben, als er plötzlich Tritte knistern hörte und ein Gärtner auf ihnzutrat, der vom Könige — der die lebendige Bildsäule lächelnd erblickt hatte — abgesandtworden war, um die Papiere, die der Candidat so herausfordernd nach oben hielt, i«Empfang zu nehmen.
Mit denselben begab sich der Monarch in einen andern Gang des Gartens, indemder Magister festgebannt stehen blieb. Nach einer Weile kehrte der König zurück undwinkte den Bittsteller zu sich heran. Als schreite er über Eier hinweg, näherte sichOlearius dem Monarchen, vor dem er in demüthigster Stellung mit angsterfüllter Seelestehen blieb.
„Mein lieber Magister," sprach der König huldvoll, „man hat ihm Unrecht gethan,wie ich aus seiner Supplik ersehe. Man hätte die Säcke mit den alten Sechsteln blosversiegeln und ihm bedeuten sollen, dieselben wieder mit heim zu nehmen. Sei er aberruhig, er soll seine Sechstel mit Interessen wieder bekommen. Was wird er denn inBerlin anfangen? Um eine Prcdigcrstclle sich bewerben oder sich mit Jnformire«beschäftigen?"
Diese Worte, die wie Sphärengcsang in den Ohren des Candidateu klangen, ver-wirrten denselben so, daß er vor freudiger Bestürzung kaum die Fragen beantworten uudseinen tiefgefühltesten untcrthänigsten Dank stammeln konnte. Der König unterhielt sichnun noch eine Zeit lang mit ihm, fragte, wo und was er studirt habe und schloß dannmit den Worten: „Doch nun muß ich fort, denn sie warten mit dem Essen —" undging in's Schloß hinein. Ganz überwältigt von dem Eindruck, den die Leutseligkeit undHuld des großen Monarchen auf ihn gemacht, verharrte Olcarius, nachdem der Königschon längst verschwunden war, noch immer auf derselben Stelle, mit sich selbst nicht imKlaren, ob das Alles, was er so eben vernommen, Traum oder Wirklichkeit sei. Nachund nach aber kehrte sein klares Bewußtsein wieder und nun fielen ihm auch des KönigSAbschiedsworte wieder ein: sie warten mit dem Essen.
Essen! Dieser Gedanke erinnerte den armen Supplicanten daran, daß er ja aucheinen Magen besitze und nun schon seit 24 Stunden so gut wie nichts zu sich ge»nommen habe.
Keinen Dreier mehr in der Tasche und einen Weg von vier Meilen vor sich, bisdie Möglichkeit vorhanden war, wieder zu einem Imbiß zu gelangen, das war eine sehrniederschlagende Aussicht.
Verlangend sah er sich nach dem Naben um, welcher ihm, wie vor Zeiten demPropheten Elias, Brod zutragen sollte, aber es wollte keiner kommen. Ergeben in sei«Geschick zog er seinen Leibriemen ein paar Zoll enger zu und war eben im Begriff,seine müde Körpermaschine in Bewegung zu setzen, als plötzlich ganz in seiner Nähe eineStimme laut fragte:
„Wo ist der Mann, welcher mit dem Könige gesprochen?"
„Hier!" meldete sich Olearius und folgte dem Kammerdiener in's Schloß nach, w»für ihn in einem Prächtigen Zimmer ein Tisch gedeckt und mit delikatesten Speisen, dcrc«Mehrzahl er nicht einmal mit Namen hätte nennen können, besetzt war. Daß er de«köstlichen Gerichten alle Ehre anthat, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und auchden Wein verschmähte er nicht, den ihm der Kammerdiener fleißig einschenkte, und nochfleißiger nöthigte, Bescheid zu thun.
„Ach, wenn Lieschen und Agathe jetzt bei mir wären," — dachte er im Stillen —
„genug hätten wir alle Drei, und sie hätten dann doch auch einmal bei einem Könige
gespeist." Nachdem er sich gesättigt hatte, brachte der Kammerdiener noch einen Tellevmit Gebackenem, mit Aepfcln und Birnen. Olcarius packte die ganze Geschichte in ei«Papier und schob es in eine seiner ungeheuern Rocktaschen. Kanin war er hiemit z«
Ende, so trat avch schon ein Sekretär deS Königs zu ihm, welcher ihm sein Diplom,