Ausgabe 
28 (25.10.1868) 43
 
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Nr. 43

25. Octvr. 1868.

An rechte Stimmen und an rechte WorteGewöhne sich dein lauschend Ohr,

Bewache des Gclwrcs Doppclpforte,

Da du nicht schließen kannst das Thor .

Johannes Schrott.

Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie.

VI.

Eine neue Prüfung.

Der Herr prüft die SeinenUnd sieht, ob sie stark sind.

In dieser unheilvollen Zeit war es, wo Olearius einen Brief folgenden Inhaltserhielt:

Mein lieber Magister!

Sein lobenswcrthcs, gottergebenes Benehmen bei Eröffnung des TestamentsSeines Oheims hat Ihm die Herzen aller damals Anwesenden gewonnen und istUrsache geworden, daß ich Ihn bei der Gräfin Koblenz in Tiefgau empfohlenhabe, welche für ihren eilfjährigen Enkel einen Hofmeister sucht. Hochdicselbc istzwar als ein Teufel verschrieen; allein ist Jemand geeignet, es mit ihr aufzu-nehmen, so ist Er's oder Keiner! Die Gräfin zahlt jährlich 50 Thaler Gehalt,gibt Ihm freie Wohnung, Wäsche und den Kammerdiener-Tisch, will auch, fallsEr einschlüge, zum Neujahr sich nicht lumpen lasten. Ist Ihm dieser Auftraggenehm, so hat Er nichts weiter zu thun, als baldigst nach Tiefgau abzureisen,wo sich das Weitere schon finden wird.

Sein wohl asfcctionirter

H. von Dcubert,

königl. preußischer Gerichts-Präsident."

In Gottes Namen!" sprach nach dem Lesen dieses Schreibens Olearius.Bester dort im Fegefeuer, als hier in der Hölle!" Er packte ein. Was er an Geldvon Lieschen zur Reise nach Berlin erhalten, berichtigte er von dem Ucberreste seineskleinen Schatzes und händigte es Agathen ein, welche untröstlich war und das Gelddurchaus nicht annehmen wollte. Noch ermähnte er das Kind, treu der Tugend und inden Versuchungen standhaft zu bleiben, dann ging er. Unten im Hause blieb er vorLieschens Thüre eine Minute lang unentschlossen stehen, dann klopfte er an, das letzteLebewohl ihr zu sagen. Es war von innen zugeriegelt, und keine Antwort ertönte, alser die Riegel bewegte. Er fuhr sich über die Augen, sein Herz klopfte fast hörbar undein Gefühl, als sei er mit einem zweischneidigen Schwerte durchstochen, zog durch seineSeele, bald aber faßte er sich wieder und die Linke krampfhaft auf die Brust pressend,gleichsam als wollte er das laute Pochen da drinnen ersticken, ging er mit festemSchritte davon.

Ein halbes Jahr war seit jenem schmerzensreichen Abschiedstage verflossen. Oleariuswar Informator des jungen Grafen geworden, und obgleich er mit ruhiger Würde undbewunderungswürdiger Geduld alle Launen seines verzogenen Schülers und dessen hoch-geborener Großmutter über sich ergehen ließ, war es ihm doch oftmals, als sei esunmöglich, diese mit jedem Tage sich erneuernden Qualen länger zu ertragen, und nur