Ausgabe 
28 (25.10.1868) 43
 
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die Frage:Wenn Du Deine jetzige Stellung aufgibst, was dann?" bewog ihn immer ^

und immer wieder, mit himmlischer Geduld und Sanftmuth auf seinem Posten zu ver-harren. Eines Abends, im Februar 1767, stieg er aus der Bedientenstube, wo er seinAbendbrod eingenommen hatte, hinauf nach seinem Zimmer, welches an dasjenige deralten Gräfin stieß und auch dem jungen Grafen zum gewöhnlichen Aufenthaltsorte diente. ,

Die Hand auf den Drücker des Schlosses legend, fuhr er plötzlich mit einem lauten i

Schmerzensrufe zurück und durch das Schlüsselloch drang das schadenfrohe Lachen seines ?

boshaften Zöglings, welcher die Abwesenheit des Hofmeisters dazu benutzt hatte, um mit !

beharrlicher Dauer die Flamme einer Kerze unter die Thürklinge zu halten, und solche !

auf diese Weife bis zum Glühen zu erhitzen. Selbst eine himmlische Geduld findet zu- ,

weilen ein plötzliches Ende. Dies war bei dem geplagten Magister der Fall, welcher, ,

als er seine Haut an der glühenden Klinge kleben sah, in gerechtem Zorne in das '

Zimmer drang und dem lachenden, jugendlichen Satan mit der verbrannten Hand ein ^

Paar tüchtige Maulschellen applicirte.

Ueber diese unerhörte Frechheit des bürgerlichen Magisters und Dieners, stand der >junge Graf einige Secunden wie versteinert, sodann sprang er unter einem Zetergeschreizur Großmutter in's Zimmer, hochdcrselben sein Leid zu klagen und den Thäter zurgebührenden Strafe zu ziehen. Olearius, von dem Auftritte betäubt, vernahm wie im -Traume, daß die alte Gräfin den Stuhl hastig zurückschob, und unter abgebrochenenAusrufungen, wie:Nicht möglich? Ha, der Unverschämte! Hör' ich recht?"mit ihrem Enkel herein zu Olearius rauschte. Den nahenden Sturm zu beschwören, hobOlearius an:Hören Sie mich erst an, gnädige Frau"

Er konnte nicht weiter fortfahren, denn die dürre, knöcherne Hand der alten Dameschloß ihm den sprechenden Mund, dessen Zähne unter dem empfangenen Schlage zubluten anfingen. Zu gleicher Zeit aber stach ihm der racheschnaubcndc Junker mit einerHaarnadel, welche der Gräfin entfallen war, in die Wade. Es kann nur als ein Aktder Nothwehr angesehen werden, wenn Olearius seine Hand auch und zwar erst in das 'Antlitz der Angreifenden, und dann in das diamantenbesctzte Ha^band derselben auS- ?streckte, welches letztere er so fest anzog, daß seine braunroth werdende Besitzerin dadurch >zum Widerstände unfähig gemacht und gezwungen wurde, dem voranschreitendcn Magisterwillig nachzufolgen, welcher die Gräfin in ihr Zimmer zurückversetzte und darauf dieThüre verriegelte. Den Wadenbohrer faßte er bei seinem Zopfe, legte ihn über einenStuhl und maß ihm dann die Länge eines Lineals nach allen Dimensionen, an einem ^dazu wie geschaffenen Körpertheile ab.Bube!" sprach er dabei, keuchend vor Aufregungund Anstrengung,wirst Du mir folgen? Sonst schlage ich Dich, so lange ich nur Iden Arm rühren kann." i

Das half. Der Graf wurde mäuschenstill und kauerte sich, vor Angst und Schmerz ^bebend, in eine Ecke. Desto lauter aber wurde es nun vor der verriegelten Thüre, gegen !welche die, von der Gräfin zu Hilfe gerufene Dienstmannschaft Sturm zu laufen begann.

So leicht aber wollte Olearius, den die verbrannte Hand, die blutenden Zähne und die »zerstochene Wade immer heftiger zu schmerzen begannen, das Feld nicht räumen. '

So wie es irgend Jemand wagt, in mein Zimmer zu dringen" schrie er mit ^entschlossener Stimme den draußen Tobenden zuso ersteche ich erst den jungenHerrn und dann mich selbst."

Diese entschiedene Erklärung hatte ein schnelles Einstellen jeglicher weiteren Feind- Iseligkeiten zur Folge. Als der junge Graf in seinem Bette lag und schlief, da setzte sich -Olearius auf den Rand des Scinigen, stützte den Kopf in die hohle Hand und sagtegedankenvoll: s

Was wird nun werden? Gottfried! Gottfried! Du hast dich heute vom Zornehinreißen lassen und weißt doch, daß der Zorn eine Ausgeburt der Hölle ist. Wenig- ,stens in's Zuchthaus oder auf die Festung kommst du zur Strafe, daß du deine Hand ^