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Prediger," — so schloß der Wirth — „ist die kurze, aber traurige Geschichte, die sichseit Ihrer Abwesenheit hier zugetragen."
Stumm saß Olcarius da. Ein brennender, namenloser Schmerz erfüllte feinInneres, und heiße, schwere Tropfen perlten auf seinen Wangen. Obgleich darauf vor-bereitet, zu hören, daß Lischen gefallen und unglücklich durch diese unselige Liebe gewor-den sei, ein solch' trauriges Ende hatte er doch nicht erwartet. Plötzlich stand er auf,ergriff Hut und Stock, und dem ihn verwundert anstarrenden Wirthe die Hand drückend,verließ er mit schnellen Schritten das Haus.
Unbekümmert um die ihn von allen Seiten begaffenden Kleinstädter, schritt er gera-den Weges nach dem Friedhofe.
Bald hatte er das Grab mit dem schmucklosen Kreuze gefunden, und überwältigtvon seinem Gefühle, sank er auf die Kniee und barg weinend sein Haupt in die duften-den Blumen. Lebendig stieg die Vergangenheit wieder vor seiner Seele auf. Er gedachtesich wieder zurück, in sein ärmliches Stäbchen, bei der Wittwe Harnapp, und wie seliger damals in seiner stillen, heiligen Liebe zu Lischen gewesen. „O mein Gott!" —seufzte er, — „mußte es denn so kommen? Und doch ist es bester so," — sprach erdann gefaßter, „besser für sie und mich, daß es so gekommen. Ihr Herz war gebrochen,ihr Dasein vergiftet, und wie eine welke, geknickte Blume hätte sie ihr freudenloses Lebendahin schleppen mästen. Ja, ja, es ist besser so, denn nun hat sie Frieden und ichkann ohne Groll das heilige Andenken meiner ersten Liebe in meinem Herzen bewahren."
Noch einen schmerzlichen Blick warf er auf das Grab, dann erhob er sich, um dieStätte des ewigen Friedens zu verlassen. Da, in demselben Momente, als er sich zumGehen umwandte, prallte er plötzlich entsetzt zurück. Vor ihm, kaum drei Schritte ent-fernt, stand eine hohe, schöne Mädchengestalt und streckte ihm, Thränen in den treuenAugen, voll inniger Liebe die Hand entgegen. Olcarius aber, vor Schrecken fast ge-lähmt, hielt die eine Hand vor die Augen, wehrte mit der andern die auf ihn zuschrei-tende Gestalt ab und rief mit bebender Stimme:
„Zurück, zurück, Phantom! Geist meines Lieschens, habe Erbarmen mit demFrieden meiner Seele! — Im Namen der dreieinigen Gottheit beschwöre ich Dich,verschwinde!"
Aber die Gestalt verschwand nicht, sondern eine weiche, warme Hand legte sich aufdes zitternden Hofpredigers Arm, und eine süße, klagende Stimme fragte:
„O kennen Sie mich denn nicht mehr, Herr Olcarius? Ich bin's ja — Agathe,Ihre frühere Schülerin."
Der Klang dieser Stimme brachte den Prediger wieder zu sich selbst. Er ließ dieHand sinken und blickte mit Erstaunen und Bewunderung auf das Mädchen nieder, dasihn, sich zutraulich an ihn anschmiegend, mit glänzenden Augen betrachtete.
„Agathe und nicht Elisabeth?" sprach nach einigen Sekunden Olcarius, halb wievon einem Traum befangen, „Leben, warmes, fröhliches Leben, kein Phantom! O wieschön und groß Du geworden bist" — sagte er dann, seine Rechte leicht auf ihr gold-lockiges Haupt legend, — „und so ähnlich ihr, der Unglücklichen, die dort in der kühlenErde ruht. Der Himmel segne Dich, mein treues Kind, für das, was Du an denVerführten, Verblendeten gethan."
„Ach, Herr Olcarius," — schluchzte Agathe, indem sie weinend ihr Köpfchen anseine Brust barg, — „sie war und blieb ja doch immer meine Schwester und ich meineimmer, ich selbst trüge große Schuld, daß es so gekommen ist, ich hätte sie nicht ver-lassen, hätte nicht aus dem Hause gehen sollen. O meine arme, arme Lisbeth!"
„Beruhige Dich, mein Kind," — sagte sanft Olcarius, — es mußte so kommen,wie es gekommen ist, denn also stand es verzeichnet im Buche der Geschicke. Der Herrwird Gnade haben mit einer armen Seele, die nicht aus Lust zum Bösen, sondern ausUnkenntniß desselben, vom Pfade der Tugend abirrte."