Ausgabe 
28 (8.11.1868) 45
 
Einzelbild herunterladen

356

Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen, und da es schon im Spätherbstcwar, so wurde es nach dem Schwinden der Sonne empfindlich kühl. Olearins fühlte,wie das Mädchen in seinem Arme vor Frost zitterte und besorgt ermähnte er sie, dieTodcsstätte zu verlassen und heimzukehren. Willig gehorchte Agathe, und beide verließenin Gedanken versunken den Kirchhof, und Ichritten nach der Stadt. Mittlerweile hattesich in dieser schon das Gerücht verbreitet, der Candidat Olearins sei zurückgekehrt undzwar als Hofprcdigcr des Königs von Preußen. Von allen Seiten drängten sich daher,sobald er die Stadt wieder betreten hatte, frühere Bekannte und Freunde herzu, um ihnzu bewillkommen. Mit Mühe gelang es ihm endlich, sich auf dem Marktplatze von derihn umringenden Menge loszumachen und mit Agathe in das Haus der Pflegemutterderselben, der Frau Silbermaier, einzutreten. Die alte Frau empfing ihn mit herzlicher,ungeschminkter Freude, und rief ein über das andere Mal, indem sie die Händezusammenschlug:

Na, was Sie groß und schön geworden sind, ist das ein Staat! Und Hof-prediger sind Sie auch geworden? O du meine Güte! Und gar bei dem großenFriedrich! Ach, das Glück, das Glück!"

Geschäftig eilte sie dann in die Küche, um ein gutes Adendessen bereit zu machen,und wie sehr sich auch Olearius dagegen sträubte, er mußte Theil daran nehmen, wollteer die gute Alte nicht tief betrüben und beleidigen.

Spät in der Nacht erst machte er sich auf den Heimweg und mancherlei Gedankendurchkreuzten seinen Kopf, als er durch die stillen Straßen seinem Gasthofe zuschritt.

Vor seinen Augen schwebte ein süßes Bild. Doch nicht der bleiche Schatten derTodten war es, der seine Phantasie beschäftigte, sondern die holde Gestalt Agathens, diewie ein lichter Stern das Dunkel seiner Seele durchstrahlte.

Sollte sie mich lieben?" sprach er leise für sich hin.Oder ist es nurMitleid mit dem geprüften früheren Lehrer, das sie bewegt, so freundlich, so liebevollmir entgegen zu kommen? Er rief sich jedes Wort, das sie gesprochen, in's Gedächt-niß zurück. Er erinnerte sich daran, wie ihr, als er seine Lcidcnsschicksale erzählt hatte,die hellen Thränen in den Augen gestanden, und wie herzlich und innig sie ihm guteNacht gewünscht. Schneller pochte sein Herz, und als er, in seiner Wohnung ange-kommen, sich zur Ruhe begeb n hatte, da umfingen ihn goldene Träume einer glücklichen,Wonnereichen Zukunft, an der Seite eines geliebten Weibes, und leise entschwebten dieGedanken seiner Seele, im Schlafe seinem Munde:Agathe, süßes, theures Mädchen!"

(Fortsetzung folgt.)

Am Tage Aller-Seelen in der Kapuzinergruft in Wien ,

Es ist ein frommer und heiliger Brauch, daß am Tage Aller-Seelen den Erinnerungenan die Hingeschiedenen eine Wehmuthsthräne nachgeweint wird. Mit Blumen und Kränzenwerden die Grabeshügel der theueren Hingeschiedenen geschmückt, und die Ruhestätte derTodten gleicht dann einem Blumengarten, welche die Pietät mit ihren schönsten Gabengeziert hat. An diesem heiligen Tage strömt die Bevölkerung Wiens au die stille Gruftder Kapuziner. Dort am Sarge des unvergeßlichen Kaisers Joseph,werden der Erinnerungdie wehmuthsvollstcn Monumente von Alt und Jung, von Groß und Klein geweiht.

Sei es uns heute gestattet, das düstere, schmcrzenreiche Bild seiner Sterbestunde zumalen; wir glauben dadurch eine Pflicht der Pietät und der Gerechtigkeit zu erfüllen.

Der Kampf mit dem Leben war ausgekämpft, alle Schmerzen waren überwunden.Mit heiter strahlendem Angesicht lag Joseph auf seinem Lager; kein Wort des Unmuthesoder der Klage kam über seine Lippen. Er tröstete die Weinenden und hatte für jedenein Wort der Beruhigung und der Liebe. Er schrieb noch in den letzten Tagen miteigener zitternder Hand Abschicdsbricfe an seine Schwester, au den Fürsten Kaunitz und