Ausgabe 
28 (8.11.1868) 45
 
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an einige Damen seines näheren Umgangs, Briefe voll rührender Innigkeit und Zartheit,und unterzeichnete noch am 17. Februar achtzig Mal seinen Namen. - Aber jetzt fühlteer, daß seine Kräfte zu Ende waren, und als am Abend dieses Tages seine FreundeLasch und Roscnbcrg zu ihm kamen, um die Nacht bei ihm zu wachen, winkte er sie mitder Hand dicht zu sich heran an sein Lager.

Es geht zu Ende, meine Freunde," sagte er leise.Die Lampe hat kein Oel mehrsie wird bald erlöschen. Still! Weinet nicht! Sagt mir heiter das letzte Lebewohl!"

Heiter?" fragte Lasch traurig,heiter, wenn wir Sie niemals wieder sehensollen?"

Der Kaiser blickte sinnend zur Decke empor,Wir werden uns wiedersehen," sagteer nach einer langen Pause.Nicht hier auf Erden, aber im Jenseits. O, ich glaubean ein Jenseits, ich hoffe auf ein Jenseits! Muß es denn nicht ein Dasein geben, wo icheinigen Ersatz finde für Alles, was ich hier auf Erden gelitten?"

Und eine Strafe für Diejenigen, welche Ew. Majestät Leiden gemacht?" sagteRosenberg düster.

Ich habe Allen verziehen," sagte der Kaiser lächelnd.Kein Groll und kein Wermuthist mehr in meinem Herzen; ich bin ganz resignirt! Ich hatte die gute Absicht und denredlichen Willen, mein Volk glücklich zu machen, ich zürne ihm nicht, daß es nicht an-nehmen wollte, was ich ihm geboten habe. Ich wünschte, man schrieb auf mein Grab:

Hier ruht ein Fürst, dessen Absichten rein waren, der aber das Unglück hatte, alle

seine Entwürfe scheitern zu sehen." Ach, meine Freunde, der Dichter hatte nicht Recht,wenn er sagt: du trdno uu osrvueil Is PU88NA6 68t terriblb" Ich vermisse

den Thron nicht, und fühle mich ganz ruhig, nur ein wenig gekränkt durch so viel

Lebensplage, so wenig Glückliche und so viel Undankbare gemacht zu haben. Allein dasist das gewöhnliche Schicksal der Männer auf dem Throne!"

Das Schicksal der großen Männer, die ihrer Zeit vorangehen," sagte Lascy ,dasSchicksal Aller, die Großes wollen. Großes erstreben und den Völkern neue Ideen desGlücks, der Aufklärung und der Gcistesfreiheit bringen. Sie muffen Alle sterben alsMärtyrer der Dummheit, des Uebclwollens und der Kleinlichkeit."

Ja, ein Märtyrer bin ich," sagte Joseph mit einem sanften Lächeln,aber siewerden aus meinen Gebeinen keine Reliquien machen."

Aber die Liebe zu Eurer Majestät werden wir als heilige Reliquie in unseremHerzen tragen!" rief Graf Rosenberg weinend.

Sie sollen nicht weinen," sagte Joseph. Haben wir nicht schöne Tage der Treueund Freundschaft mit einander durchlebt? Wollen sie mir nicht auch jetzt noch IhreFreundschaft beweisen, indem Sie mir ein heiteres Angesicht zeigen? Sie vor allenDingen, Rosenberg, Sie, welche mir heute die letzte Freudenbotschaft gebracht, das letzteFreudeulächeln auf meinem Antlitz gesehen haben, als Sie mir meldeten, daß meinegeliebte Nichte Elisabeth meinem Franz eine Tochter geschenkt hat. O, es ist schön,eine Freude mit in sein Grab zu nehmen und sterbend eine neue Hoffnung aufblühenzu sehen! Elisabeth wird dereinst Eure Kaiserin sein, liebt sie; Ihr, meine alten Getreuen,liebt sie um meinetwillen, denn ich habe sie geliebt wie mein eigenes Kind! Man hatmir seit einigen Stunden schon keine Nachricht von ihr gebracht. Es geht ihr gut, nichtwahr?"

Die beiden Freunde antworteten nicht und senkten die Augen nieder.

Lascy!" rief der Kaiser, und jetzt fuhr wieder ein Ausdruck menschlichen Leidensdurch die vorher so verklärten Züge.Lasch, warum weinen Sie? Sie schweigen?Mein Gott, Sie schweigen ? Rosenberg, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit,wie steht es mit der Erzherzogin Elisabeth, mit meiner Tochter?"

Er richtete sich halb empor und schaute in athcmloser Angst auf den Grafen hin.

Dieser wagte es nicht, den Blicken des Kaisers zu begegnen.