Ausgabe 
28 (8.11.1868) 45
 
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Die Erzherzogin Elisabeth ist sehr krank," sagte er leise.Die Entbindung hatsie sehr angegriffen."

Ach, sie ist todt! rief der Kaiser,nicht wahr, sie ist todt?"

Niemand antwortete, nur die Thränen, welche in Lascy's und Nosenberg's Augenstanden, gaben die Antwort. Josef stieß einen lauten Schmerzcnsschrei aus, und seineArme zum Himmel streckend, rief er:O Gott, Dein Wille geschehe! Aber was ichleide, ist unbeschreiblich! Ich meinte, ich wäre bereit, alle Todespein zu ertragen, die esGott gefallen möchte, mir zu senden: aber dieses fürchterliche Unglück übersteigt Alles,was ich jemals gelitten hatte. Er sank zurück auf sein Lager und lag still und starrda eine lange, lange Zeit. Dann auf einmal richtete er sich wieder empor und seineStimme war wieder kräftig und voll, und sein Auge hatte wieder Feuer und Glanz,und sein Ganzes zeigte wieder den Kaiser und den Herrscher, der vor allen Dingen sichselbst beherrscht.Man soll die Erzherzogin mit allen Ehren, wie sie diese edle underhabene Fürstin verdient, bestatten," sagte er.Ihnen übertrage ich die Sorge, Rosen-berg, daß das Lcichenbcgängniß mit allem Pomp geschehe. Morgen soll die Leiche inder Hofkapelle ausgestellt werden, aber dann soll man sich beeilen, sie zur ewigen Ruhein die Kaisergruft hinabzusenken, damit in der Hofkapclle Platz werde für meineeigene Leiche!"

DaS war der letzte Befehl, den der Kaiser ertheilte, von nun an war er nur nochein armer, sterbender Mensch, und nur Gott und seinem Volke galten seine letzten Ge-danken. Er ließ seinen Beichtvater an sein Lager rufen und bat, ihm etwas aus demGesangbuche vorzulesen, ein Sterbegcbet. Mit gefalteten Händen hörte er zu, die großenAugen gen Himmel gewandt, aber plötzlich schien es, als wenn eine freudige Begeisterungüber ihn komme und er begann laut die Worte des Gebetes mitzusprechen.So bleibennun Glaube, Hoffnung und Liebe!" betete der Geistliche. Der Kaiser wiederholte diedrei letzten Worte. Er sprach das Wort Glaube mit tiefer Zuversicht, das Wort Hoff-nung leise und schüchtern, das Wort Liebe aber rief er mit einer wahren freudigenInbrunst. (Ramshorn, S. 449.) Dann wieder ward er ganz still. Die Gebete ver-stummten. Der Kaiser lag mit gefalteten Händen bleich und unbeweglich da. Einmalhörte man ihn leise sagen:Herr, der Du mein Herz kennst, Dich rufe ich zum Zeugenan, daß ich Alles, was ich unternahm und befahl, aus keinen anderen Absichten, alszum Wohl und zum Besten meiner Unterthanen meinte. Dein Wille geschehe!"(Hübncr.H. S. 502.) Dann wieder ward er still, ganz still. Weinend, mit gefal-teten Händen stand der Erzherzog Franz , Lasch und Rosenbcrg an seinem Lager. DerKaiser sah sie mit seinen großen gebrochenen Augen an, aber er kannte sie nicht mehr.Alsdann wieder blitzte der Geist mit einem letzten Scheidegruß in seinen Augen auf undmit fester Stimme sagte er:Ich glaube, meine Pflicht als Mensch und Regent erfülltzu haben!" Dann wandte er sein Antlitz zur Seite. Wieder herrschte eine tiefe Stille.Auf einmal ward diese Stille unterbrochen von einem langen, schweren Seufzer.

Es war der Todesscufzcr Josef des Zweiten.

Ei« Lokomotivführer.

Wenn Jemand einen beschwerlichen und furchtbar verantwortlichen Dienst hat, so istes ein Lokomotivführer. Das geflügelte Wort, das unter ihnen umläuft:Wir stehenmit dem einen Fuße im Zuchthaus, mit dem andern im Grabe," hat eine gewisse Wahr-heit. Den gerechten Anforderungen, welche deutsche Lokomotivführer in einer kürzlich ge-haltenen General-Versammlung erhoben haben, wird das Publikum zur Seite stehen.In dieser Versammlung erzählte ein Mitglied folgendes Erlebniß:

Es war im Mai des Jahres 1856, als ich einen Schnellzug von X. nach Z. zufahren hatte. Als ich in die Nähe der Zucker-Fabrik Y. kam, überzeugte ich mich von