der richtigen Stellung der hier befindlichen Weiche; da aber die beiden Wcichensignal-Tafeln dicht hinter einander in ganz gleicher Höhe standen, so konnte ich nur die ersteresehen, da die zweite, von der ersten verdeckt, meinem Gesichtskreise vollständig entzogenwar. Es beunruhigte mich dieser Zustand auch nicht; denn da die zweite Weiche in einentodten Strang führte, so sollte dieselbe nach der mir bekannten Instruktion für denWeichensteller stets verschlossen sein und nur behufs Einsetzens und Herausziehend vonWagen geöffnet werden. Wie groß aber war mein Schreck, als ich, näher gekommen,bemerkte, daß die linke Weichcnzunge (denn nur hierin konnte ich die Stellung dieserWeiche beurtheilen) nicht anliege und die Weiche daher geöffnet sei. Bei der großenSchnelligkeit des Zuges und der geringen Entfernung der Maschine bis zur Weiche waran ein Halten des Zuges nicht mehr zu denken und es mußte derselbe den 20 bis ZO Fußhohen Damm hinabstürzen, wenn es mir nicht gelang, den Wärter auf die unrichtigeStellung der Weiche und der damit verbundenen Gefahr aufmerksam zu machen. Soschnell als möglich nahm ich den Steuerungshcbel bei geöffnetem Regulator nach rück-wärts, griff zur Dampfpfeife, um eincstheils den Wcichwärter, anderntheils das Zug-personal durch schnell aufeinander folgende Töne auf die ungeheuere Gefahr aufmerksamzu machen. Der Wärter, welcher das Pfeifen hörte, meinte, es sei dem Zuge etwaspassirt, und wendete, ohne die unrichtige Stellung seiner Weiche zu bemerken, demselbenseine ganze Aufmerksamkeit zu. Immer näher kam der Zug, und nur einen Moment,und Alles, was sich im Zuge befand, war rettungslos verloren. Da, in der größtenVerzweiflung, sprang ich auf den auf dem Führerstande befindlichen Radkasten, riß meineMütze vorn Kopfe, winkte mit derselben dem Wärter zu und rief in der Verzweiflung,so laut es meine Stimme erlaubte: „Weiche herum, Weiche herum!" Alles vergebens,der Wärter wachte zwar eine Bewegung, wurde aber, da ich auf der rechten Seite derMaschine, der Wärter hingegen znr linken Seite deS Geleises stand, durch die Maschineselbst meinem Sehkreise entzogen, und als die Puffcrbohlc auch die Enden der Wcichcn-zungcn verdeckte, und diese noch immer offen stand, faßte ich den Entschluß, sobald dievordere Maschincnachse die Schienen verlassen würde, mein Leben durch einen Sprungnach dem Hauptgelcise hin zu retten. Wie groß aber war meine Ucbcrraschung, als ichden Moment gekommen wähnte und nun wahrnahm, daß der Zug nicht in das erwähnteNcbengelcise gegangen, sondern auf dem Hauptgelcise geblieben war! Eö war demWeichenwärter gelungen, die Weiche noch umzustellen, ehe die Vorderachse der Maschinein dieselbe hineingelaufen war, und so das Hinabstürzen des Zuges zu verhindern. —Alles hier Beschriebene war das Werk einiger Sekunden und Niemand wird im Standesein, sich einen Begriff von dieser Situation zu machen. Der Schreck, die Angst, welchesich ini vorliegenden Falle bis zur höchsten Verzweiflung steigerte, dann wieder die plötz-liche Freude (wenn diese Bezeichnung eine richtige ist) über die glückliche Rettung desZuges und so vieler Menschenleben brachten in mir einen unbeschreiblichen Gcmüths-zustand hervor. Nur so viel sei gesagt: ich brach zusammen, gab dem noch immer nachrückwärts liegenden Steuerungshcbel einen Stoß, daß derselbe nach vorn flog, setzte michauf den Radkasten und ein Strom von Thränen entquoll meinen Augen. Das Bewußt-sein, viele Menschenleben gerettet zu haben, war meine Belohnung; von der Bahnver-waltung erhielt ich nicht die geringste Anerkennung.
Trotz meiner recht kräftigen Körpcrconstitution konnte ich den ganzen Tag hindurcheiner gewissen Aufregung nicht Herr werden. Selbst als ich mich in mein Bett gelegtHatte, vor welchem ein kleines Tischchen mit Lampe stand, und mich mit Lesen beschäftigte,sah ich im Geiste die schrecklichsten Bilder an mir vorüberziehen; ich sah die vorn Damme hinuntergestürzte Lokomotive und die über dieselbe hinwcggeschleudertcn und zertrümmertenPersonenwagen, ich sah Todte und Verwundete in großer Anzahl umherliegen, ich hörtedas Wehklagen der letztem, kurz, ich konnte trotz aller Bemühungen nicht zur Ruhegelangen. Nachdem ich die Lampe ausgelöscht und noch eine geraume Zeit wach im Bette