Ausgabe 
29 (10.1.1869) 2
 
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Miseellen.

Zur Charakteristik der Spinnen. Vor dem Fenster meines Zimmershatte im vorigen Herbste eine Spinne ihr Netz ausgebreitet. Eines Morgens bemerkteich, daß sie nicht, wie gewöhnlich, in ihrem Verstecke, sondern am untern Ende des Netzesauf Beule lauerte. Ich fing eine Fliege und brachte sie so nahe an's Netz, daß sie sichmit ihren Flügeln in demselben verfing. Sofort stürzte sich die Spinne am untern Endedes Netzes auf die Beute. Fast in demselben Augenblicke aber schoß auch die wahreEigenthümerin des Netzes aus ihrem Verstecke hervor, und es entspann sich jetzt ein Kampfzwischen Beiden um den Besitz der Beute. Die Eigenthümerin des Netzes konnte aberdem Eindringling nichts anhaben und mußte sich zurückziehen. In einiger Entfernungjedoch hielt sie inne, drehte sich herum, blickte nochcinmal auf die freche Eigenthnmsver-letzcrin zurück und eilte dann nicht in ihr Versteck, sondern nach der Außenseite des Netzes,wo die Radien desselben an der Mauer befestigt waren. Ich wußte im Anfang nicht,wie ich mir daS Benehmen der Spinne deuten sollte. Bald aber wurde mir die Sacheklar, denn schon im nächsten Augenblicke bemerkte ich, daß die Fäden an der Stelle, wosich die Spinne befand, losgetrennt waren. Hierauf hielt sie einen förmlichen Rundlaufum das Netz und trennte Faden um Faden von seinem Anhaltspunkte, während sie sichvon Zeit zu Zeit nach der Eigenthumsverletzerin umsah. Das kunstreiche Gewebe warunterdessen in ein formloses Gespinnst zusammengefallen und hing zuletzt nur noch aneinem Faden, der vom Verstecke der Eigenthümerin des Netzes auslicf. An diesem klettertesie jetzt hinauf. Die erste Spinne hatte in der Zwischenzeit ihre Beute gelobtet undkunstgerecht mit ihrem Gespinnste umwunden. Ihre Lage wurde immer kritischer: niiteinem Fuße hielt sie ihren Raub fest, mit dem andern klammerte sie. sich an die Trümmerdes Netzes und erwartete so die Dinge, die da kommen sollten. Das Ende dieses Kampfeszwischen Frechheit, gepaart mit Stärke auf der einen Seite, und Schwäche, gepaart mitList auf der anderen blieb denn auch nicht aus. Der letzte Faden wurde losgetrennt undGespinnst, Spinne und Beute fielen auf den Fensterstein. Jetzt blieb der fremden Spinnenichts Anderes übrig, als sich unter großer Mühe und Anstrengung einen anderen Ortaufzusuchen, wo sie ihren Raub verzehren konnte.

(Dolch und Scheide.) Der Schauspieler Suett, welcher gern trank und selbstauf der Bühne Gebrauch von gebrannten Wassern machte, schlüpfte eines Abends, als ereben inJulmS Cäsar" beschäftigt war, in einem freien Momente hinter ein Borsatzstück,zog eine Flasche unter der Toga hervor und that einen derben Zug. Flugs verbarg erdie Flasche wieder, aber ein College, der auch kein Kostverächter war, hatte es bemerkt,trat zu ihm und raunte ihm zu:Ah, Suett, was haben Sie da?"Nur meinenDolch!" erwiderte dieser. Der lüsterne College ließ sich dadurch nicht abhalten, ihmunter die Toga zu greifen, die Flasche hervorzuziehen und auszuleeren.Da habenSie die Scheide!" sagte er, die leere Flasche zurückgebend.

Sieht der Fran;ose ein hübsches Mädchen, dann ruft er:Oiabl«;!" der Deutsche:Göttlich". Ist das Mädchen aber häßlich, so sagt der Franzose:küon Ilivu!" undder Deutsche:Pfui Teufel!^

Ein Mann, welcher nichts weniger als verschwiegen war, vertraute Jedermann einGeheimniß an mit der inständigen Bitte, es Keinem wieder zusagen.Seien Sie darüberruhig," versetzte ihm Jener,ich werde ebenso verschwiegen sein wie Sie."

Druck, Verleg und Redaction des Literarischcn Justituts von llr. M. Hutilcr.