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* Da diese sonderbaren Heiligen der jüngsten Tage und ihre Vielweiberei unausgesetzt«in Gegenstand der Neugierde und die Zielscheibe des Witzes in den Journalen sind, soist es nicht ohne Interesse, in dieser Beziehung das Urtheil einer Frau zu hören, welchelängere Zeit unter den Mormonen zugebracht hat. Es ist dies Madame d'Audonard,welche gegenwärtig in New-N°rk Vortrüge hält und in einem derselbe» dieses Themawählte. Ein Theil desselben ist in Folgendem enthalten. Frau Audonard kam nachUtah mit der Vorstellung, daß die Mormonen allzusammen roh und unwissend, — dieSalzseestadt ein elendes, kleines Dorf, die Mormonen -Frauen arme Mädchen ohne Er-ziehung, mit List oder Gewalt in den Banden des Mormonismus festgehalten und sehrunglücklich über ihr Loos wären. Statt dessen fand sie eine Stadt von 40,000 Ein-wohnern, wundervoll gelegen, — gegen Norden geschützt durch eine prachtvolle Kette derFelsengebirge, mit dem Spring-See zu ihren Füßen und der Aussicht auf den großenSalz - See in einer Entfernung von zwanzig Meilen. Die Straßen dieser Stadt sindbreit, von schönen Bäumen beschattet, und klares, durchsichtiges Wasser fließt in kleinenBächen durch dieselben. Sie fand dort ein prächtiges, viertausend Personen fassendesTheater, mit einer vortrefflichen Gesellschaft von Schauspielern, sämmtlich Mormonen. —Sie bewunderte die kolossalen Dimensionen eines Tempels, in welchem zwölftausendPersonen leicht Platz finden konnten. Sie fand große Läden mit allen ErzeugnissenEuropas . Kurz, wo sie Barbarei erwartet hatte, fand sie einen hohen Grad von Civili-sation. Brigham T°ung hatte sie sich entweder als eine Art begeisterten Wahnsinnigenunter dem Einfluß religiöser Halucinationcn oder als einen ehrgeizigen geistlichen Despo-ten vorgestellt. Sie fand statt dessen einen Weltmann, einfach, natürlich und freundlich,Per ihr völlig ehrlich sin seinem Glauben erschien. Sie hatte daö Glück, eine Schweizerin,die französisch sprach, und eine andere Dame von französischer Abkunft zu finden. Inihrer Gesellschaft besuchte sie eine große Anzahl Mormonen -Familien, darunter auch diedes Präsidenten Uoung. Diese Familie ist ziemlich zahlreich. Der Präsident stellte ihrsechsunddreißig seiner Töchter, alle groß, kräftig und schön, und siebzehn Söhne vor —Söhne, wie Töchter alle verheirathct. Die Zahl seiner Enkelkinder ist so groß, daß wederBrigham Voimg noch einer seiner Söhne genau zu sagen wußte, wie viel ihrer wären.Wie umfangreich die Familie ist, kann man aus der Thatsache abnehmen, daß auf einemvon Brigham Aoung gegebenen großen Balle fünfhundert Verwandte von ihm, einschließ-lich seiner Kinder und Enkelkinder, Schwestern, Nichten und Neffen, zugegen waren. —Mit einigen der Mormonenfrancn brachte Frau Audonard ganze Tage zu. Sie fandsie wohl erzogen, viele von ihnen verstanden Musik, alle hatten Bücher - Sammlungen.Sie lesen sehr viel und sind über die Zeitereignisse in Europa wohl unterrichtet. DieseFrauen scheinen alle sehr glücklich zu sein, und in ihrer Religion noch inbrünstiger alsdie Männer. Mehr als eine stellte Bekchrnngs-Versuche mit der Reisenden an. DieVielweiberei der Mormonen ist das gerade Gegentheil von der der Türken und auf dasentgegengesetzte Gefühl gegründet. Der Türke liebt eigentlich nur ein Weib, da er abernicht beständig ist — und in dieser Beziehung unterscheidet er sich nicht von vielenEuropäern — so liebt er, nachdem er ein Weib ein Jahr oder zehn Jahre lang geliebthat, ein anderes. Dann vernachlässigt er den Gegenstand der ersten Liebe und heerathetden neuen; und wenn dieser seine Neigung nicht zu fesseln im Stande ist, s» nimmt ereinen dritten. Der Türke betet die Schönheit an und versteht unter dem Weibe nur einjunges und reizendes, wenn er aber mehrere Frauen hat, so liebt er doch jederzeit nichtmehr als eine. — Der Mormone dagegen, wenn er drei Frauen hat, hegt dasselbeGefühl für sie alle. Er steht es als eine religiöse Pflicht an, der einen so ergeben zusein wie der andern. Eines Tages sagte der Prophet Joseph Smith zu seinen Jüngern:,Jch habe eine Offenbarung erhalten. Gott befiehlt uns, in unserem Herzen alle irdische