Ausgabe 
29 (31.1.1869) 5
 
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Schonung empfahl, raffte er alle Kräfte zusammen, und sprach mit gehobener Stimmedie Eidesformel nach, und wirklich schien es damit wie Bcrgeslast von seiner Seele ge-wälzt; er lächelte selbst unter den heftigsten körperlichen Schmerzen und sank dann erschöpftin eine Art Schlummer.

Der junge Assessor war auch vor dem Bekenntniß des Webers nicht unthätig ge-wesen, und auf die Andeutung der Frau des Letzteren war der Maurer und sein Vetteraugenblicklich festgenommen worden. Sie hatten Beide noch im Bett gelegen, zwar schonmit rein gewaschenen Händen, aber doch mit Blutspuren an ihren Kleidern, auch ihreMord-Aexte wurden gefunden. Die Elenden waren erst lange nach Mitternacht zurück-gekehrt, das bekundeten ihre Stubennachbarn; sie leugneten trotz alledem hartnäckig jedeBetheiligung am Morde, Beide behaupteten mit frecher Stirn, warum sollten wir denWeber losgeschlagen haben? Wir sind seine besten Freunde; Beide, trotz ihrer abgeson-derten Vernehmung, gaben an, daß sie gestern Abend ein Kaninchen geschlachtet, gar nichtim Dorfe, sondern in der Stadt gewesen und ihnen der arme Weber recht leid thue.

Als der Assessor dem Maurer und seinem jungen Freunde gesagt hatte, daß derWeber noch lebe, verloren Beide die Fassung; um sie noch tiefer zu erschüttern, las erihnen des Webers Aussage vor. Sie vermochten Beide kein Wort der Entgegnunghervorzubringen; aber sie verharrten doch in einem finstern Schweigen und brachten keinWort des Geständnisses über ihre Lippen. Dieses herauszupressen, blieb die Aufgabedes Assessors, da es nach jener alten Gerichtspflcge nothwendig war. Er ließ beideVerbrecher an das Bett des Webers führen. Noch schlief derselbe, aber von der Nähe

seiner Mörder schien er zu erwachen, er schlug matt die Augen auf und sein erster Blick

traf seine mit Stricken gefesselten Freunde.Verzeiht mir, wie ich Euch verzeihe!"lispelte er und wollte ihnen die Hand entgegenstrecken, die Hand, die von seinen Freunden

so schrecklich verstümmelt worden er brachte nur einen Stumpf hervor. Bei

diesem Anblick war es mit der so lange behaupteten Fassung des Maurers vorbei, er

zuckte konvulsivisch zusammen, vermochte sich nicht mehr aufrecht zu erhalten, unter über-strömenden Thränen brach er an dem Bette des Freundes zusammen und rief jammernd:

Ja, ich habe Dich erschlagen, und ich meinte es doch so gut zu Dir, wir waren alte

Freunde, haben zusammengehalten wie Brüder, aber Du wolltest nicht schweigen, und dawar's vorbei mit uns. Daß wir die Mörder des Müllers, sollte nicht an's Licht kommen,da es so lange verborgen geblieben, jetzt haben wir auch Dich erschlagen und nun istAlles doch heraus."

Gott sei gedankt," lispelte der Weber, immer schwächer werdend,Ihr habt michfrei gemacht, ach, wie leicht ist mir jetzt, so leicht, ich kann nun ruhig schlafenschlafen!" und seine Augen schlössen sich, wie Frieden glitt es über sein Gesicht, erversank in einen Schlaf, aus dem er nie wieder erwachen sollte.

Er ist todt!" jammerte der Maurer, und in dem finstern Gesicht prägte sich einleidenschaftlicher, tiefer Schmerz aus. Alle Umstehenden waren von dem ganzen Auftritt

tief ergriffen, nur der junge Vetter des Maurer hatte sich völlig kalt und gleichgiltig

gezeigt. Er war einer von jenen Menschen, denen schon die früheste Jugend den Stempelder Hcrzensrohhcit aufgedrückt, und die bei der Unreife ihrer Erscheinung und ihresWesens durch eine um so größere Frechheit und Rücksichtslosigkeit sich hervorzuthun undeine gewisse Geltung zu verschaffen suchen.

Der Maurer bestätigte die Aussage des Webers völlig; um von dem Müller nichtals Dieb ergriffen zu werden, hatte man ihn erschlagen; um das Verbrechen in ewigeNacht zu hüllen, war der zweite Mord begangen worden, und gerade hier erreichte siedas Vcrhängniß.

Die Umstehenden waren überrascht und bestürzt; das waren Enthüllungen einerKette von Verbrechen, wie die stillen Dorfbewohner sie sich nicht träumen ließen. NurRose, die sich ebenfalls herbeigcdrängt, sprang wie ein Irrlicht hin und her und rief