N,-o. 7.
14. Februar 1869.
Augsburgee
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Nasse Augen sind allmächtig über stummen Lippen. Diekgütige Natur nimmt der ge-lähmten Zunge des Bedrängten die Krankengeschichte seines gepeinigten Herzens ab, und erzähltsie uns mit einer einzigen Thräne. I. P. Fr. Richter.
Gerächt und gerichtet.
(Fortsetzung.)
Ihr Auge suchte den Himmel, der über den Dächern in reiner Bläue lag DieSonne glänzte so rein und golden, ein Vogel stieß im Vorübcrfliegen einige Jubeltöneaus, aber ihr starrer Blick konnte heut' nicht mehr ein Vater-Auge finden, das liebendüber seiner Welt ruht, sie seufzte tief — und ein Thräncnstrom machte ihrem gepreßtenHerzen Luft.
„Verzweifeln Sie nicht, wo die Noth am größten, ist die Hilfe am nächsten; dasbleibt doch ein altes gutes Wort."
„Ich darf nicht mehr hoffen," cutgcgncte Marianne.
„Und wenn Sie es dennoch dürften?" Diese mit Betonung gesprochenen Wortemachten Marianne aufmerksam, ein Strahl von Freude glitt über ihr Gesicht, um ebenso schnell zu verschwinden; es war ja unmöglich, wo sollte jetzt noch Rettung herkommen!
„Sie dürfen hoffen," wiederholte der Protokollführer, „es sind Sachen an dasLicht getreten, die für Georg sehr günstig, vielleicht sogar — "
„Sagen Sie das nicht," unterbrach ihn Marianne, „ich lasse mich nicht täuschen,Ihre Gerichte sind schrecklich, — wen sie einmal erfaßt, den machen sie schuldig, der istverloren."
„Hm, mein alter Iustizrath ist boshaft und eigensinnig, so sind sie nicht Alle, esgibt noch viel rechtschaffene Juristen, die die Unschuld au das Licht ziehen."
„Was hilft das dem Georg? Man glaubt mir picht, daß er kein Mörder."
„Ich glaub' es, noch mehr, ich weiß es, — Georg ist wirklich unschuldig!" —Marianne lachte wild auf, sie nahm es für Spott, er, der ihr stets airtz den AktenGeorgs Schuld überzeugend nachgewiesen, sprach jetzt von seiner Unschuld.
„Das hab' ich nicht verdient, Herr Meyer," sagte sie vorwurfsvoll, „ich will lieberertragen, daß Sie mir alle Protokolle mittheilen, als diesen Scherz."
„So höre doch!" mischte sich die Nähterin in's Gespräch und warf sich mit weinen-den Augen an die Brust der Freundin. „Georg ist wirklich unschuldig, er wird frei."
„Frei!" jauchzte Marianne und die Bauerndirne, die so lange in engen Bandeneingeschnürt worden, machte sich Luft. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür-— „Georg!" — „Marianne!" — und zwei glückliche Sterbliche hielten sich jubelndumschlungen.
Der Protokollführer zog seine Geliebte zu sich hin, welche einen Strom von Freu-denthränen vergoß und sagte ermahnend: „Warum weinst Du denn? das ist ja einunendliches Glück!" aber in demselben Augenblick mußte er auch schon das Taschentuchhervorziehen und sich die Augen trocknen. „Dummes Zeug! zu weinen!" fuhr der guteMensch fort und konnte sich der Thränen nicht enthalten. Während die beiden Zuschauer