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vor freudiger Rührung in Thränen zerstoßen, kam in die Augen der beiden Glücklichen,die ein so tief erschütternd Wiedersehen feierten, kein feuchter Tropfen.
Mariannens Wangen waren mit Purpur übergössen, alles Leid, alle blasse Sorgeschien mit einem einzigen Hauch hinweggcweht, ihre Brust war stark genug, den hohmWellenschlag des Glückes zu ertragen.
Wie viel hatten sich die Beiden zu erzählen; welche Veränderungen in ihren Schick-salen waren geschehen. Georg fragte erstaunt, „was Marianne hier treibe, und wie siein die Stadt gekommen?" Sie crröthetc und wollte mit der Sprache nicht heraus.
„Mein Vater ist so launenhaft, ich konnte es nicht mehr bei ihm aushalten," —stotterte sie hervor.
„Nein, glauben Sie das nicht," eiferte sogleich die zukünftige Frau Protokollführerin,„die arme Marianne wollte —"
„O, schweige doch still," bat Marianne.
„Ich muß es ihm sagen, wie lieb Du ihn gehabt, — damit er's einsieht und nichtvergißt."
„Was ist denn geschehen?" fragte Georg.
„Marianne wollte Sie retten," erklärte der Protokollführer. „Ihr Alibi nach-weisen und hat das bekannt, was Sie verschwiegen, darüber zürnt noch ihr Vater."
„Marianne!" rief der fange Mann mit tiefster Bewegung und drückte das treueMädchen in überquellender Empfindung noch einmal an seine Brust. „Das hast Dufür mich gethan? Du treues, liebes Herz!"
„Und hast Du nicht mehr gelitten, um meinetwillen," cntgcgnete jetzt Marianneunter Thränen lächelnd, „hättest Du nicht geschwiegen, hättest Du bald gesagt, daß —"
„Und Dir diese Schande gemacht? Was sollten die Leute von Dir denken, daßgerade an diesem Abend! —"
„Und Du selbst, Georg; aber meine Angst um Dich war so groß und ich wußte,daß Du mich nicht für schlecht halten würdest — hätt' ich wissen können, welch' Unglückich damit herbeigeführt, und ich wollte . lies nur zum Guten lenken und zum Glück."
„Ja, ja, wir dürfen eben nicht lenken, da geschieht am meisten etwas Schlimmes,"bemerkte der Protokollführer.
Nachdem die Freude des ersten Wiedersehens verrauscht, gewahrten Beide erst, welcheVeränderungen mit ihnen vorgegangen. Marianne war weißer, blasser geworden, Gramund Sorge halten jetzt ihre Furchen in das einst so blühende Gesicht gezogen und damitden Zauber der Jugend abgestreift. Sie erschien um zehn Jahre gealtert. Bei Georghatten jene schweren Tage noch tiefere Verheerungen hervorgebracht; er sah aus, wie einaus dem Grabe Erstandener, und wohl war es ein Grab, aus dem man ihn hervor-gerufen. Wo war die jugendliche Erscheinung hin, die voll Leben und Gesundheit ge-strotzt! Marianne schloß eine welke, zusammengebrochene Greiscngestalt in ihre Arme,und doch — wie ruhten ihre Blicke mit unendlicher Liebe auf dem armen Dulder, desseneingefallene Wangen und weiß gewordenen Haare von einer Ewigkeit voll Qual undSchmerz erzählten. Sie gingen Beide mit verschlungenen Armen in dem kleinen Stübchxnauf und ab, während das Brautpaar sich leise entfernte, um ihnen einen ungestörtenAugenblick zu gönneu. Beim Zurückwandern warf Georg einen Blick in den Fenster-spiegel und blieb plötzlich stehen, er hatte das Gesicht eines Fremden zu sehen gemeint,so völlig unbekannt war ihm das Antlitz, das ihm dort entgegentrat. Marianne wollteihn vom Spiegel wegziehen, er lachte bitter; „ich muß doch sehen, wer der Mann ist,der Dich am Arme führt." Und nun trat er dicht vor den Spiegel, und seine Augengruben sich tief in das erschreckende Abbild, das ihm das rücksichtslose Glas cntgegen-warf. Er schauderte vor sich selbst zurück, als er in diese hohlen, halb erstorbenenAugen blickte, auf dies entstellte Antlitz, das ihm wie ein Todtcnschädel entgcgengrinste.Wie mit einem Schlage stiegen die alten Wuth- und Haßgedanken gegen seinen Peiniger