Ausgabe 
29 (14.2.1869) 7
 
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herauf, sein Gesicht verzerrte sich in wildem Grimm, er ballte die Fäuste und riefdrohend:Warte, Elender, ich bin jetzt frei!"

Marianne suchte ihn zu trösten, zu beruhigen.Du wirst wieder gesund und frischaussehen," sagte sie schmeichelnd,guck', ich bin auch recht alt und häßlich geworden, wirhaben uns nichts vorzuwerfen."

O, es ist nicht darum; aber wenn ich dort in den Spiegel sehe, dann lcs' ich erst,was in meinem Gesicht geschrieben, was noch deutlicher hier steht," er zeigte auf seineBrust.

Du mußt nicht mehr daran denken," meinte Marianne.

Nicht daran denken?" fragte Georg bitter zurück.Er hat mich zertreten wieeinen Wurm, ich habe nichts gekonnt, als mich ohnmächtig krümmen und ich hab' nurnach Freiheit gelechzt, um" er hielt erschrocken innc: Marianne blickte ihn forschendan, er scklug seine rachefunkelnden Augen zu Boden und starrte vor sich hin.

Sei auf Niemand böse, Georg!" beschwichtigte Marianne,auf Niemand liebetEure Feinde, steht in der Schrift und wenn er uns durch seine Härte wehe gethan, so"

Soll er es büßen," unterbrach sie Georg und stieß ein wildes Lachen aus.

Ich erkenne Dich nickt wieder," begann Marianne von Neuem.

Hab' ich mich denn selbst wieder erkannt?" fragte Georg,ist denn die Fratze,die ich gesehen, mein Gesicht? Ist nicht aller Frieden, alle Ruhe aus meiner Brustheraus?" Er ging hastig allein in der Stube auf und ab.

Hat Dich mein Buch nicht getröstet, das ich Dir geschickt?" fragte Marianne, ihnauf andere Gedanken zu bringen.

Ja, das Buch, Du hast recht- Aug' um Auge, Zahn um Zahn," murmelte ervor sich hin und ohne sich von Mariannens Liebkosungen aufhalten zu lassen, stürmteer hinaus.

Marianne sah ihm lange nach, ihr war Alles wie ein Traum. . . .

Vl.

Die Freisprechung Gcorg's konnte Niemand unangenehmer berühren, als den Justiz-Rath. Er hatte so lauge, so scharfsinnig rücksichtslos inguirirt und sich nun dennochvergriffen. Das war ein Stachel, der sich tief verwundend in seine ehrgeizige Juristcn-scelc drückte. Und wenn man seine Härte, ja seine elende Grausamkeit an das Licht zog,wenn man höheren Ortes die Untersuchungsaktcn einforderte und daraus seine Vorein-genommenheit, sein blindes Zutappcn ersah, konnte das nicht böse Folgen für ihn haben?Doch der Justizrath war kein Mann, der sich von solchen Dingen einschüchtern ließ, erhatte sich schon durch manche Diszipliuar - Untersuchung glücklich hindurchgcwunden unddieser Fall war dagegen unbedeutend. Pah, ein Baucrnjunge, ob dessen dickes Fell mehroder weniger durchgegerbt worden, was verschlug das? Aber die ganze Stadt war vonUnmuth erfüllt über das bekannt gewordene Verfahren des Justizraths; man begann, sichfür den unschuldig Angeklagten zu intercssircu, Sammlungen wurden veranstaltet, umden Unglücklichen für seine schwere Leidenszcit in Etwas zu entschädigen, ja der Assessorerbot sich, ein Bittgesuch an den Landcshcrrn zu fertigen, damit dem Armen irgend eineöffentliche Ehrenrettung würde. Georg schlug Alles aus und entzog sich den eben soherzlichen, wie theiluchmendcn Beweisen des Mitgefühls völlig. Er blieb in aller Stillebei dem gutmüthigen Protokollführer, der ihm sein kleines Stübchcn als Asyl angeboten.Man erfuhr jetzt erst die schonungslose Behandlung des Angeklagten, wie er nur ausVerzweiflung ein Schuld-Bekenntniß abgelegt, und man vcrurthciltc dafür den Justizrathum so härter. Jeder wußte von ihm einen schlechten Zug anzuführen, Alle waren darineinig, daß der Mann durch diese Brutalität von seinem Posten kommen müsse und seinebesten Freunde, mit denen er manche Flasche ausgestochcn, manchenRobbcr" gemacht,brachen über ihn, wie das ja immer geschieht, am schonungslosesten den Stab.