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Dieses Brausen des allgemeinen Unwillens gewahrte der Justizrath bald, und esmußte wenigstens in seinen Hauptströmungen besänftigt werden. Der alte praktische Juristverzog sein dürres, ausgelebtes Gesicht in höhnische Falten, ging mit hastigen Schrittenim Zimmer auf und ab, rieb sich dann, als ob ihm ein Einfall gekommen, vergnügtdie Hände, und murmelte vor sich hin: „Es wird freilich etwas kosten, es muß diesmaletwas Ausgesuchtes sein, Trüffeln — Gänsclcber — Tokayer — aber dann bin ich ^
wieder das alte Justizräthchen, kein Menschenfresser, kein Kannibale mehr — wie michschon die Dienstmädchen am Röhrtrogc heißen — sie schütteln mir wieder die Hände, die >alten Freunde, und wenn erst der Champagner anrückt, dann sagt doch Jeder, daß ichein guter Kerl und noch viel zu human und christlich gehandelt. — Meine armenTrüffeln, meine Weine!" jammerte er und nahm mit bedenklicher Miene eine Prise;verd— Geschichte das, aber es muß sein!"
(Schluß folgt.)
Allerlei Lichter.
Das ärmste alte Mütterchen, welches am Christabend tiefer als sonst in die Taschegegriffen, um ein Paar Wachskcrzchcn für den Wcihnachtsbaum ihres armen verwaistenEnkels und um einige Kreuzer Petroleum für ihre Lampe zu kaufen, sie ahnt es wohlnicht, wenn sie mit dem glücklichen Kinde einen Häring mit Kartoffeln verspeist, um amWeihnachtsabend auch Fisch gegessen zu haben, daß sie der antike Schlemmer Lucullus,wenn er zufällig in ihre Kammer getreten, sehr beneidet haben würde, nicht um denhalben Häring, wohl aber um die glänzende Beleuchtung ihrer Abendtafcl. — Imklassischen Alterthum bewegte sich der Fortschritt auf der kurzen Bahn von der Kicnfackclbis zur Oellampe, welche von Pcriklcs bis Ludwig .XV. , wo die Reflektorlampen einge-führt worden, im Wesentlichen unverändert blieb. Das französische Königthum lag bereitsin den letzten Zügen', als Ärgand 1798, angeregt durch die hellen Flammen einesbrennenden Bauernhofes, zur Construktion seiner neuen Lampe veranlaßt wurde. Lange Vwollte das Experiment nicht glücken, bis ihn endlich ein Zufall den richtigen Weg findenließ. — „Mein Bruder," erzählte der jüngere Bruder Argand's, „hatte lange Zeit Ver-suche angestellt, um seine Lampe zu Stande zu bringen. Nun lag am Weihnachtsabendauf dem Kamintisch ein abgebrochener Hals einer Weinflasche. Nachdem ich zufälligHinübergriff und ihn über die kreisförmige Flamme der Lampe stellte, erhob sich augen-blicklich die Flamme mit Glanz. Mein Bruder sprang voll Entzücken von seinem Sitzeauf, stürzte freudig auf mich zu und umarmte mich feurig." Seit Argand drängen sichdie Erfindungen in der Construktion von Oellampen, um schließlich, nachdem Carcel denglücklichen Gedanken hatte, das Oel-Reservoir in den Lampenfuß zu verlegen, in unsererheutigen Moderateur-Lampe zu gipfeln. Weit später, als die Lampen, sind die Kerzenaufgetaucht. Unschlittkerzen mit Baumwolldocht kommen erst im 15tcn Jahrhundert vor.Gegossene Kerzen kennt man erst seit Anfang unseres Jahrhunderts, Stearinkerzen erstseit kaum 40 Jahren. Chevrcuil lehrt im Jahre 1823 den schmierigen Talg in festeund flüssige Fettsäuren zu zerlegen, und die festen Fettsäuren nach Verscifung der flüssigenauszuscheiden. 1825 wurde von Cambacüres der geflochtene Baumwolldocht, welcher dasPutzen der Flamme überflüssig machte, erfunden, und also war die Grundlage zur heu-tigen Stearinkerzen - Fabrikation gewonnen. — Aber es dauerte noch bis nach der Juli-Revolution, bevor dieser neue Industrie-Zweig Wurzel fassen konnte. Erst ein Kammer-herr Carls X., de Millh, ein Mann von den vielseitigsten Kenntnissen, der durch denSturz dieses Bourbonen-Königs sich aller Subsistcnzmittel beraubt sah, — versuchte diefabrikmäßige Erzeugung der Stearinkerzen, und erst diesem genialen Manne gelang es,die Stearinkerzen zum Range eines Handelsartikels zu erheben. Sechs Jahre später, imJahre 1837, gründete dann sein Bruder die erste Stearinkerzen - Fabrik in Wien , nach
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