Ausgabe 
29 (14.2.1869) 7
 
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welchem wir heute noch diese Kerzen Millykcrzcn nennen. Aber mit der Vervollkommnungder Lampe und der Kerze schließt die Geschichte der Beleuchtung nicht ab, sondern nunerst drängen sich die Entdeckungen von neuen Belcnchtungsstosscn und neuen Methoden,sie zu verbrennen, von der Gasbeleuchtung bis zur Phöbnslampe. Als neue Bclcuch-tungsstofsc treten auf das Rüböl, dann die ganze Reihe der Leuchtstoffe, welche durchRektifikation der Thceröle gewonnen werden, und je nach ihrer Beschaffenheit unter demNamen Photogen, Mineralöl, Hydrocarbur, Schicfcröl, Solaröl u. s. w. in den Handelkommen, ferner daS diesen Oelcn verwandte Petroleum oder Erdöl , dann zur Kerzen-Erzeugung Palmöl, Wallrath, ein eigenthümlicher Fettstoff, der auS dem Potlfisch undanderen Fischen des südlichen Weltmeeres gewonnen wird, das Paraffin, welches Neichcn-bach im Jahre 1830 zu Blansko in Mähren bei einer Theer-Destillation entdeckte u. s. w.Aber alle Fortschritte in der Beleuchtung überragt an Großartigkeit und Bedeutung dieErfindung der Gasbeleuchtung. Jahrtausende war sie dem Menschen nahe gelegt, unddoch sind es kaum 70 Jahre, seit er sie entdeckte. Bei jeder Beleuchtung findet zuersteine Erzeugung von Gas aus dem Belcuchtungs-Materielle, Oel, Wachs rc. und danneine Lichtcntwicklung durch Verbrennung der Gase statt. Auch bei der Oel- und Kerzen-Beleuchtung findet derselbe Vorgang statt.- Die Flamme, welche das Licht entwickelt,ist zugleich das Feuer, welches den Brennstoff, sei cS nun Oel , Talg, Paraffin rc. inGas verwandelt; der charakteristische Unterschied zwischen der Oellampcn-, Kerzen- undGasbeleuchtung ist, daß in der Kerze und Lampe Gaserzeugung und Gasverbrennungin demselben Raume gleichzeitig vor sich gehen, während bei der Gasbeleuchtung dieErzeugung und die Verbrennung des Leuchtgafes zeitlich und räumlich getrennt vor sichgehen kann. In dieser zeitlichen und räumlichen Trennung liegt das Charakteristischeder Gasbeleuchtung, während sie sonst mit jeder anderen BclcuchtungS - Methode ganzidentisch ist. Treffend schildert Knapp diesen Vorgang mit den Worten:Die Flammeder Lampen und Kerzen ist ein wahrer Mikrokosmus einer Gasbelcuchtungs - Anstalt,deren Rctortenhaus in dem engen Raume eines Dochtcndcs so sicher und geräuschlosarbeitet, daß man ihr Dasein viele Jahrhunderte lang nicht gewahr wurde," und nochanschaulicher drückt der Chemiker Dumas denselben Gedanken aus, indem er sagt:Hätteman von Anfang au das Gas gehabt, so würde der, welcher die Kerze gemacht, alsder geniale Kopf gefeiert worden sein, dem es gelungen ist, den Mechanismus der Gas-anstalten in den Raum eines Fingcrhutcs zu conzentrircn."

Die Gase der Steinkohle waren wohl lange schon studirt, aber erst gegen Ende desvorigen Jahrhunderts dachte der französische Ingenieur Philipp Lc Ronn in Paris undder englische Ingenieur Murdoch in London an die praktische Verwerthung dieser Studien. Wilhelm Murdoch war Ingenieur der Minen von Cornwall , wohnte aber in Ncd-ruth. Er versuchte das Clayton'sche Experiment, Stcinkohlcngas in Schwcinsblascnzu sammeln, und aus daran befestigten Röhren brennen zu lassen. Des Nachts beimHeimreiten bediente er sich dieser Blasen auf dem Pferde statt einer Laterne, und kam sobei dem Landvolk in den Geruch eines Magiers. Im Jahre 1792 gelang es Murdochendlich, sein eigenes Wohnhaus, und 1803 sogar ein großes Fabrik-Etablissement inSoho mit Gas zu beleuchten. Von diesem Jahre ist die Einführung der Gasbeleuchtungin's praktische Leben zu datircn. Jetzt war aber noch der große Schritt zu thun, dieGasbeleuchtung vom einzelnen Hause auf ganze Städte auszudehnen, und diese Aufgabelöste aber weder Murdoch noch Le Ronn sondern ein Deutscher (Ocstcrrcicher), NamcnSWinzlcr, der im Jahre 1803 in London unter dem NamenWinsors" auftauchte, undspäter sowohl in London wie in Paris die Gasbeleuchtung im Großen zuerst durch-führte. Winzler war nichts weniger als ein Mann der Wissenschaft, aber voll Kennt-niß der Welt, einer der genialsten Schwindler seiner Zeit, der in seinem Programme,eine Aktiengesellschaft zur Bildung der ersten GaScompagnie in London , seinen Aktionärenauf die Kapitalseinlage von 5 Pfund Sterling eine Dividende von 570 Pfund Sterling,