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Pflanzenwandermrgen
Es ist eine anerkannte, von Botanikern oft hervorgehobene Thatsache, daß sich be-stimmte Pflanzen an bestimmte Menschcnstämme und Nationalitäten anschließen, sich da,wo Leztcrc weilen, in vorzüglichem Grade mehren, ja sogar den Ziehenden und Wan-dernden von selber sympathetisch nachfolgen, indem sie sich an den von der Heimath ent-fernten Orten ihres Aufenthaltes freiwillig einstellen. Die großen Völkerzüge, die sichim Mittelalter von Asien aus dem mittleren Europa zuwendeten, werden uns noch jetztdurch das Vordringen asiatischer Steppcnpflanzcn bezeichnet, so der Kochia nach Böhmen und Kram, des tatarischen Meerkohls durch Ungarn und Mahren hin. Den Zigeuner-zügen aus Asien her folgte der sich auf diese Weise über ganz Europa verbreitendeStechapfel, welcher von diesem Volke häufig ausgesäet und angewendet wurde, aber auchungefördert neben den Wohnungen wuchs. Nach den Befreiungskriegen kam an vielenStellen, wo sich Kosaken gelagert hatten, eine Gänscfußpflanze vor, welche sonst nuram Dniepr heimisch ist; die Zackenschote verbreitete sich mit den russischen Heereszügcn1814 durch Deutschland bis Paris . Eine Wickcnart zeigt noch jetzt die ehemalige Wohn-stätte norwegischer Kolonisten in Grönland an, und der Indianer in Nordamerika Pflegtunseren Wegbreit die „Fußspur des Weißen" zu nennen. St. Hilaire äußert sich überdieses wundersame Thema in folgender Weise. In Brasilien wie in Europa scheinen ge-wisse Pflanzern dem Menschen auf dem Fuße zu folgen und bilden die Spuren seinerehemaligen Gegenwart. Oft habe ich mit ihrer Hilfe mitten in den Wüsten die Stelleeiner zerstörten Hütte aufgefunden. Europäische Pflanzen haben sich in Brasilien überallangesiedelt, wo Kolonisten seßhaft gewesen sind oder nur ihr Lager aufgeschlagen haben.Uebcrall trifft man das Veilchen, den Borrctsch, den Fenchel, mehrere Storchschnabel,unsere Malven und Kamillen, und unsere Gänsedistel, besonders aber unsere in die Ebenedes Rio de la Plata und Uruguay eingeführten Artischocken bedecken jetzt unermeßlicheLandstriche. In Europa, vorzugsweise Deutschland , sind auffallende Beispiele derPflanzen-Einwanderung: das Lii^vron cunnckonso aus Kanada, die Cholcradistel ausden Kirgisenstcppen, die Wasserpest aus Amerika und das sibirische Kreuzkraut, welchesneuerdings eine Landplage des nordöstlichen Deutschlands geworden ist
M i s c e l l e ii.
(Eine Bettlerin als Mutter einer Königin.) Während der Unruhenunter der Regierung Karls I. von England begab sich die Tochter eines Bauers, der injenen Wirren Gut und Leben verloren, als Bettlerin nach London , um dort als Magdsich zu verdingen. Sie war 16 Jahre alt, aber bei aller Schönheit, die selbst von denLumpen ihrer Kleidung nicht verhüllt werden konnte, unwissend und unerfahren in jederweiblichen Fertigkeit, nur grobe Feldarbeit hatte sie bei den Eltern verrichtet. Einegleichfalls arme, aber mildherzige Wittwe, hatte der Waisen ein Obdach gewährt, in dessenNähe ein Brauer wohnte, der sich zuweilen dieses arbeitsamen Mädchens bei der Zusen-dung von Porterbier an seine Kunden bediente. Ihre uncrniüdete Pünktlichkeit veranlaßteihn, sie als Stubenmädchen in seine Dienste zu nehmen, wodurch es ihr möglich wurde,mehr an sich und ihre Kleider zu wenden, so daß bald die Blicke der Männer von dieserliebreizenden Erscheinung angezogen wurden. Auch ihr Brodherr, zwar schon ein bejahrterWittwer, doch noch rüstig und lcbcnsmunter, machte die Bemerkung, daß Jenny ein sehrliebenswürdiges Mädchen sei. Da er kinderlos war, also ganz unabhängig handelnkonnte, erwählte er sie zu seiner Gattin. Er hatte den Schritt nicht zu bereuen; seinejunge Frau that Alles, um ihm das Leben angenehm zu machen. Drei Jahre daraufstarb der Brauer und hinterließ sein ungeheures Vermögen der kinderlosen Gattin. —Diese war nun im Stande, das Geschäft des Verstorbenen fortzusetzen, bei dem sich viele