21. März 1869
Nro. 12.
§
Die Staude bringt dem Menschen seine Tbat;
Den nächsten Schritt allein thu immer richtig!
Die nächste That allein thu immer gut!
Das Gute nur zu thun gedenke immer,
So meidest du auf bestem Weg das Böse.
D. Scheser.
Die Entsagenden.
(Fortsetzung.)
Eine lange Pause entstand; das Antlitz des alten Herrn verfinsterte sich zusehends,und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust, als Rudolph geendet hatte.
„Höre mich an, mein Sohn," begann er endlich, „nicht länger will ich die Stundeverschieben, um Dir offen zu ,enthüllen, was seit lange mein Herz bedrückt. Rudolph,wenn ich Alles aufbiete, den Glanz unseres Hauses aufrecht zu erhalten, um Dich miteiner reichen Erbin zu vermählen, so treibt mich dazu die Liebe zu Dir, die Sorge umDeine Zukunft."
„Meine Zukunft?" — wiederholte der junge Mann erstaunt. „Bin ich nicht reichgenug, mein Nater, um, wenn Ihr einst (was Gott noch lange verhüten möge) EuerAuge geschloffen, eine Bkitgift entbehren zu können?"
„Nein!" versetzte der Baron herbe. „Bermagst Du nicht mit den Millionen einerGattin den Schein zu wahren, so bist Du ein Bettler, sobald dies Auge bricht."
Rudolph fuhr empor, sein Antlitz war leichenblaß. „Großer Gott," stammelte er,„was soll das heißen?"
„Zürne mir nicht, Rudolph," flehte der Baron, „jetzt, da endlich das Wort aus-gesprochen, das Jahre lang wie ein drückender Alp auf meiner Seele gelegen, jetzt sollstDu Alles erfahren."
„Arm," — murmelte Rudolph, das Haupt in die Hände verbergend, „entsetzlicherGedanke!"
„Schon bei dem Tode meines Vaters," begann der Baron, „waren die Finanzcaunseres Hauses zerrüttet. Dennoch aber hoffte ich, den Glanz, den unsere Familie seitJahren behauptet hatte, aufrecht erhalten zu können; denn Deine Mutter war die einzigeErbin eines alten Oheims, der unv'crmahlt und Millionen reich war; da wollte ei«böser Dämon, daß dieser Greis sich in seine Haushälterin, eine schlaue raffinirte Person— verliebt, und ihr seine Hand reicht nebst seinen Millionen. Wir waren betrogen.Der Gram über dieses Unglück brach Deiner Mutter das Herz. Um Dich wie einEdelmann zu erziehen, hatte sie ihre Brillanten, ihr ganzes kleines Vermögen geopfert,und wir legten uns ungesehen von der Welt manche kleine Entbehrungen auf, um esDir an nichts mangeln zu lasten."
„Und nennen Sie das Liebe, Vater?' rief Rudolph. „Warum ließet Ihr michblind dahintaumcln, warum leitetet Ihr mich nicht an, mir die Fähigkeit zu erwerben,selbstständig dazustehen und Euch eine Stütze zu sein?"
„Weil Du ein Edelmann bist, mein Sohn," erwiederte Dnroy stolz und dasWort „verdienen" keinen Sinn für uns hat. Und es wird uns auch ferner Nichts er-mangeln, wenn Du meinem Rathe folgst. Vergiß Deine phantastischen Träumereien mrd