Ausgabe 
29 (21.3.1869) 12
 
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Übe der Wirklichkeit. Was nützt in der jetzigen Zeit des Materialismus die Romantik?Das Gold ist die Losung von Hoch und Gering, darum greif zu, Nudolph, so lang esnoch Zeit ist, greife zu, ehe das mühsam gestützte Haus über unseren Häuptern zusammen-bricht, und uns unter seinen Trümmern begräbt.

Der junge Mann dachte lange sinnend nach.Und wenn Du mit dem Verkaufeunseres Hauses, unseres Gutes Deine Rückstände decktest, mein Vater," fragte er,glaubstDu, daß sich so viel erübrigen ließe, Dich wenigstens für die erste Zeit vor demMangel zu schützen?"

Welche Gedanken, Nudolph?" rief der Alte erstaunt.Wie, ich soll mich vonmeinem Gute trennen, mein Staub soll auf fremden Boden ruhen? Nimmermehr!Und gesetzt, ich wäre schwach genug, Deinen überspannten Anschauungen Gehör zu geben,was wolltest Du in diesem Falle beginnen?"

Arbeiten!" antwortete Rudolph mit festem Tone.Nicht umsonst eignete ich mirmanches Wissen an, ich halte es weniger für eine Schande, wenn ein Baron Duroy imBureau eines Advokaten oder im Comptoir eines Kaufmannes seinen Lebensunterhalt'erwirbt, als wenn er sich in den Händen eines notorischen Wucherers weiß."

Der Baron erbleichte.Du wirst nicht zu Lindenau gehen," unterbrach er Ihnheftig.Ich werde die Wechsel selbst einlösen, sobald es Zeit ist. Nun noch einesmein Sohn versprich mir, mir nicht zu zürnen. Was ich that, glaubte ich zu Dei-nem Besten zu thun, für Dein Wohl würde ich selbst vor keinem Verbrechenzurückbebcn."

Der junge Mann warf sich in die Arme seines Vaters, und die Thränen beiderMänner vermischten sich mit einander, einer das Unglück des andern beweinend.

Da klopfte es leise an die Thür des Cabinettcs, der Kammerdiener des alten Herruerschien auf der Schwelle.

Der Herr Gerichts-Dircktor Fleischer wünscht den Herrn Baron Leopold von Duroyzu sprechen," meldete er.

Der alte Baron ward blaß wie der Tod.Fleischer?" stammelte er,großerGott, zu dieser Stunde? Hast Du auch recht gehört, Joseph! Fleischer, Gerichts-Dircktor Fleischer!"

Gcrichts-Direktor Fleischer," bestätigte der Diener, wie es schien, über diesen uner-warteten Besuch erstaunt.

Der Alte gab ein Zeichen, den Gemeldeten hereinzuführen, keines Wortes mächtig,sank er in einen Sessel nieder.

Vater," flüsterte Nudolph, nicht minder bleich als er,was bedeutet Dein Er-schrecken? Uebt der Name oder das Amt des Mannes diese furchtbare Wirkung aufDich aus?"

Aber noch ehe der alte Herr erwiedern konnte, öffnete der Kammerdiener ehrerbietigdie Flügelthür und Fleischer erschien am Eingänge des Gemaches.

Auf seinen Sohn gestützt, schritt Duroy ihm entgegen, ein stummer Wink seinerHand lud ihn zum Nähertreten ein.

Mit scharfem Auge musterte der Direktor die Züge des Greises, dann flog seinBlick zu Rudolph, der ihn bescheiden, aber fest erwiderte.

Sie erwarteten mich nicht zu solch' früher Stunde, Herr Baron," begann Fleischerendlich,allein die Wichtigkeit der Unterredung, um die ich Sie zu ersuchen komme,entschuldigt meine Unhöflichkeit. Doch ich sehe, daß ich die Stunde nicht paffend wählte,"fuhr er bitter fort,Sie scheinen nicht ganz disponirt zu sein, vielleicht noch etwas an-gegriffen von der gestrigen Fastnacht, Herr Baron von Duroy!"

Sie irren, Herr Gerichts-Dircktor, ich befinde mich so wohl, wie sich ein Mannin meinen Jahren nur befinden kaun," erwiderte Duroy.Wir sind Beide keine Kindermehr, auch Sie haben gealtert seit"