Ausgabe 
29 (21.3.1869) 12
 
Einzelbild herunterladen

91

Vergangene Zeiten zurückzurufen, ist manchmal schädlich, Herr Baron, zumal wen»sich an diese Zeiten unangenehme Erinnerungen knüpfen. Reden wir von der Gegen-wart," unterbrach ihn der Direktor scharf.Doch möchte ich Sie bitten, mir einigeAugenblicke Gehör ohne Zeugen zu gewähren."

Rudolph verließ schweigend das Zimmer, nachdem er einen Blick des Bedauernsauf seinen Vater geworfen hatte.

Die beiden Herren saßen stumm in ihren Sesseln einander gegenüber, jeder mitseinen Gedanken beschäftigt.

Robert," flüsterte der Baron endlich, die Arme ausbreitend,kommst Du al-Freund oder als Feind?"

Mein Name ist Gerichts - Direktor Fleischer, Herr Baron von Duroy," erwiderteRobert eisig kalt,Geschäfts- oder Gerichts-Angelegenheiten haben weder mit Freundschaftoder Feindseligkeit das Geringste zu schaffen."

Immer noch der Alte," klagte Duroy,kannst Du denn nie, niemals vergessen?"

Haben Sie schon einen Mann gekannt, Herr Baron," fragte Fleischer,der ver-gessen kann, daß einst ein Elender ihn um das ganze Glück seines Daseins betrog.>Aber gleichviel, ich bemerke, daß meine Anwesenheit in uns Beiden peinliche Gefühle er-regen muß und will mich daher kurz fassen, um derselben so bald als möglich ei«Ende zu machen."

So gehen wir denn zum Geschäftlichen über," seufzte Baron Leopold, nicht ohneden Ausdruck innerer Angst,welcher Angelegenheit habe ich Ihre Gegenwart in meinemHause zu danken?"

Der Direktor zog sein Portefeuille aus der Tasche und zog die Wechsel bis auf de»letzten gefälschten hervor.Sie haben sich in wiederholten Geldverlegenheiten an Lindena«gewandt," sagte er langsam,und nicht im Stande, Ihre Wechsel zur Verfallzeit einzu-lösen, suchten Sie um Prolongation derselben nach, die der Wucherer, der einem BaronDuroy nichts abzuschlagen vermochte, auch bereitwillig gewährte. Indessen braucht derMann selbst sein Geld nothwendig, und da er einerseits von Ihrer Seite nicht auf Be-zahlung rechnen durfte, anderseits sich aber auch scheute, gewaltsame Mittel gegen eine«Edelmann zu gebrauchen, so wandte er sich an mich und die fraglichen Wechsel sind jetztmein Eigenthum."

Leopold seufzte tief auf, die düstersten Bilder zogen au seiner Seele vorüber.

Ich benachrichtige Sie, Herr Baron von Duroy," fuhr Fleischer fort,daß ichstets baares Geld Papieren und Versprechungen vorziehe, und hoffe binnen acht Tagendie Wechsel eingelöst zu sehen, widrigenfalls ich Ihr Haus und Schloß gerichtlich ver-kaufen lasse."

Duroy schien ihn nicht z« hören, sein Auge heftete sich starr und gedankenlos aufden Redenden und seine Arme hingen schlaff zu beiden Seiten der Sessellehne hernieder.

Habe Gnade, Robert," flüsterte der Baron,ich kann nicht zahlen, mein Gut istmit Hypotheken belastet, mein Haus verpfändet!"

Eben weil mir dies bekannt ist, dringe ich auf mein Geld," erwiderteFleischer ruhig.

Und wo soll ich enden," rief Leopold verzweifelt,wenn Ihr mir die letzteStätte nehmet?"

Im Zuchthause!" antwortete der Direktor eisig kalt.Im Zuchthause als Fälscher."

Dieser Schlag war zu viel für den Greis, wie eine Maschine glitt er von seinemSessel herab zu den Füßen seines ehemaligen Freundes.

Robert!" flüsterte er,tödtc mich, aber entehre mich nicht!"

Vielleicht zum ersten Mal seit Jahren bewegte ein Lächeln die ehernen Züge desDirektors. Mit dem Ausdruck des bittersten Hasses blickte er auf den vor ihmAnicendeu nieder.