Ausgabe 
29 (21.3.1869) 12
 
Einzelbild herunterladen

92

.Schmettert Sie das Wort .Zuchthaus " nieder, Herr Baron?" fragte er, .unddoch waren Sie schuld, daß in seinen Räumen ein Wesen endete, das einst gut war wieeine Heilige, und erst sank, als Ihr Treubruch sie in Noth und Verzweiflung stürzte."

.Wer? großer Gott, sprechen Sie von Leonore!" stammelte Duroy vernichtet.

.Ja, von Leonore!" donnerte Fleischer,die Du bübisch um ihre Liebe betrogst,wie Du mich um meine Freundschaft hintergingst. Mitleid, Erbarmen forderst Du?Gehe hin, zu Menschen, deren Herz weich ist, unsere Rechnung ist abgeschlossen."

Leonore im Elend," wiederholte Duroy,o laß mich sühnen, was ich an ihrbegangen!"

Zu spät, sie hat geendet!" entgcgnetc der Direktor,keine Sühne für Dich mehr,«ls jenseits des Grabes!"

Der Baron bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, ein ersticktes Schluchzen ent-wand sich seiner Brust.

Fleischer trat näher, ein Anklang unbewußter Rührung durchzitterte seine Stimme.

Weine!" seufzte er ernst,wohl, daß Du noch Thränen zu vergießen hast, meinAuge ist trocken und leer, wie der Brunnen, über den der Samum fuhr. Und doch,wie oft habe ich den Tag beweint, wo ich fest an Ihre Freundschaft, an Ihre Treueglaubte. Ich war damals ein armer Student der Rechte. Sie betrachteten die Univer-sität als das Spielzeug eines Edelmannes. Ein Zufall ließ mich Ihnen während desBadens das Leben retten. Sie schwuren mir ewige Dankbarkeit, ich aber ewige Freund-schaft und mein Herz, das darnach dürstete, sich einem anderen Herzen anzuschließen,schaukelte sich auf Ihren Versprechungen, wie der sorglose Nachen auf den Wellen destreulosen Oceans. Wir hatten bald kein Geheimniß vor einander und eines Tages ent-deckte ich Ihnen freudetrunken, daß ich liebe und Gegenliebe hoffen dürfe. Das Mädchenmeiner Wahl, sie war ein Engel, Herr Baron, aber arm Beide jung, sahen wirdie Zukunft in den heitersten Farben vor unseren Blicken. Da rief mich die Aussichtauf eine Anstellung nach der Hauptstadt. Die Sache verzögerte, Wochen verstrichen, bisich heimkehrte, glühend mich an die Brust des Freundes, in die Arme der Geliebten zuwerfen. Da fand ich Sie an LeonorenS Seite; Sie, Herr Baron, und höhnend zischeltemir das Gerücht entgegen:Du bist verrathen!"

Wuth und Gram zehrten an meinem Leibe; eine tödtliche Krankheit warf michMonden lang auf das Schmerzenslager. Ich erstand vom Tode, Dank meiner Jugend-kraft, ein Jüngling an Jahren, ein Greis an Erfahrung und Lebensüberdruß. Ichforschte nach Ihnen, nach Leonoren. Beide waren fort, kein Mensch wußte, wohin Siesich gewendet. Ich vergrub mich in meine Studien, die Ideale, die einst Freundschaftund Liebe in meinem Herzen eingenommen hatten, füllte jetzt die Arbeit aus. Mein Ruf

nahm zu, aber meine Berühmtheit machte mir keine Freude; mein Vermögen vergrößerte

sich, aber für wen sollte ich es verwalten? Mein Haar war grau geworden vor der

Zeit, und mein Herz alt vor dem Alter. Und doch war die Erinnerung an sie die

ich einst so wahr und innig geliebt, nie aus meiner Seele geschwunden, wie ein Heilig-thum verehrte ich das Andenken Lconorens. Ich lebte allein und zurückgezogen; jederGenuß des Lebens war mir fremd, bis meine Nichte Angelika nach dem Tode meinerSchwester, die einen reichen Kaufmann geheirathct hatte, in mein Haus zog, und mirgesellschaftliche Pflichten auferlegte. Zu gleicher Zeit berief mich das Vertrauen desHerzogs auf diesen wichtigen Posten, den abzulehnen mir die Ehre verbot. Ich kam hieran, ich hoffte Leonore an Ihrer Seite als Ihre Gattin zu senden; ich fand sie imLazareth des Zuchthauses, das ich bei meinem Amtsantritt noch am selben Tage meinerAnkunft iuspicirte.

Ja, Herr Baron von Duroy, im Lazareth des Zuchthauses fand ich das Mädchen,während Sie sich auf seidenen Kiffen wälzten und in toller Verschwendung Ihr Ver-mögen in prunkenden Festen verpraßten."