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„Konnte ich das Entsetzliche ahnen?' rief der Baron, „ich hatte ja seit Jahre«keine Kunde von der Unglücklichen."
„Freilich," erwiderte Fleischer, „sollte sie demüthig ein Almosen von dem Manneerbetteln, der sie schändlich verrieth? O hätten Sie, wie ich, aus ihrem Munde dieGeschichte ihres Jammers vernommen, Sie rauften sich die letzten Haare aus dem Haupte«nd fluchten Ihrem geschändeten Dasein!
„Schon nach wenigen Monden, während denen Sie sich mit dem Mädchen in einemWinkel der Schweiz begraben hatten, verließen Sie die Unglückliche unter dem Vorwande,die nöthigen Papiere zur Ehe zu besorgen. Sie wartete lange, Woche auf Woche, —Monat um Monat verstrich. Sie kamen nicht. Da raffte sie sich auf. Zu Fuß durch-zog sie die Straßen, bettelnd fristete sie ihr Leben, aber ein starker heiliger Wille triebsie vorwärts. Endlich laugte sie hier an. Sie klopfte schüchtern an Ihre Wohnung.Sie forschte zitternd nach Ihnen, aber Sie waren fort. Die Diener sprachen von einergroßen Reise und wiesen hohnlachend die vermeintliche Bettlerin von der Schwelle. DesTod im Herzen kehrte sie in ihre Herberge zurück. Todcsgcdanken erfüllten ihre Seele.Aber nein, sie durfte nicht sterben, durfte nicht mit frevelnder Hand ein zweites Lebenvernichten, das sie unter dem Herzen regen fühlte.
„Aber auch zu ihrer Mutter konnte sie nicht kehren. Der Gram um die SchandeLeonorens hatte das Dasein der bejahrten Wittwe rasch geendet und Fluch und Höh»hätte die Tochter in der Heimat erwartet. Da beschloß sie zu arbeiten, — und in eingrobes Gewand gehüllt — mit verändertem Namen — diente sie als Magd bei reichenBauern der Umgegend.
„So verstrichen Jahre. Das Kind, — dem sie nach langen Schmerzen das Lebengegeben hatte, war langsam dahingesiecht. Elend und Noth hatten sein Dasein geendet.-Die Mutter aber ward schwächer und schwächer. Der Mangel zerrüttete ihre geistigenFähigkeiten, verderblicher Umgang vollendete ihren Fall. So traf ich sie sterbend, imtiefsten Elend, und als ihr brechendes Auge auf mich zum ersten Mal nach Jahren mitaller Liebe, mit dem Ausdruck der tiefsten Neue ruhte, da war's mir, als sei Alles einTraum gewesen, und für einen flüchtigen Moment zog Jugend und Hoffnung in meinHerz ein. Aber nur einen Moment; dann war es wieder still und leer, die Unglücklichehatte geendet; ein reiches, — blüthenvolles Leben lag geknickt und zerbrochen zu meinenFüßen. Geknickt und zerbrochen durch dich Mann," fuhr er mit steigendem Zorne fort,„wie Du mein Dasein vergiftet hast, und deßhalb trete ich jetzt hin vor Dir als uner-bittlicher Richter und donnere Dir in's Ohr: Rache für mich, Rache für Lcouore!"
(Fortsetzung folg:.)
(ÄuL „Alte und Acuc Lsclt.")
Folgende Thatsache, welche mir von dem bethciligten Bauern und Wirth Zappvon Movrlautern bei Kaiserslautern wahrheitsgetreu vor Jahren erzählt worden ist, ver-dient bekannt zu werden. Zapp erzählte sie mir in seiner biederen Westlicher Artwie folgt:
Als nach dem „Durcheinander" vom Jahr 1849 die vielen Bayern in Läuternlagen, da kamen eines Sonntags von der Stadt aus eine Masse Soldaten. Viele hattenihre „Bekanntschaften" bei sich, Einer auch eine Esther, ein Anderer eine „Vigelin." —Sie kehrten in meiner Wirthschaft ei», gingen in meinen Tauzsaal und machten sich mitihren Mädelcheu mit Gesang und Tanz eine ganz anständige Sonntags-Plaistr. GegenAbend bekamen's Einige in den Kopf und wollten Streit anfangen. Sie wurden aberbei Zeiten von den anderen entfernt. Nun liefen diese aus Neid und Zorn nach der