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mich immerhin Sie lieben, mein Freund; schmückt nicht der Hindu seinen Gott mit de«köstlichsten seiner Habe, und dieser Gott weiß nichts von ihm; zürnt die Sonne demSterblichen, der sie segnet? Und doch spendet sie über Tugend und Laster ihre Strahlen!Betrachten Sie mich als Ihre Freundin, Nudolph, als Ihre Schwester, aber Ihr eigene»Wohl erheischt, daß ich dem Willen meines Oheims folge. Unsere Verlobung verwerfen,hieße das Schicksal Ihres Vaters — Ihr eigenes Schicksal besiegeln."
„So sei es denn!" — murmelte der junge Mann. „So halte ich, Baron Nudolphvon Duroy, hiermit feierlichst um Zhrc Hand an," sagte er halblaut, als erschrecke ervor dem Klang seiner eigenen Worte, „und verspreche Ihnen ein treuer Gatte zu sein,bei dem Andenken des Heiligsten, das in meinem Herzen thront."
„Ich nehme Ihren Schwur an, Herr Baron," entgcgnete Angelika unter Thränen.„Möge der allwaltende Gott uns Beiden gnädig sein!"
Da tönten Stimmen auf der Flur, die Thür des Gemaches ward aufgerissen, unddie alten Herren traten ein. Baron Leopold blickte mit dem Ausdruck unverkennbarerAngst auf Nudolph, während das Auge des Direktors seine Nichte suchte, deren gerötheteWangen, deren unter Thränen strahlendes Auge ihm den Ausgang der Unterredungverkündete.
„Ich sehe, Sie sind einig," wandte er sich an die Verlobten, „ich bewundere Sie,Herr Baron Nudolph! Indessen sind noch einige Bedingungen, denen Sie sich zu unter-werfen haben, an diese Verbindung geknüpft."
„Sie finden mich zu Allem bereit," erwiderte der Baron ruhig — „selbst dasUnwürdigste zu ertragen, dünkt mir jetzt leicht, — da ich die Schande unseres Namensvernommen."
„Nudolph!" rief sein Vater mit erstickter Stimme, „großer Gott, Du weißt Alles!"Der junge Mann entgegncte: „O Vater, — hättest Du mich umkommen lasten inNoth und Elend, ehe ich diese Kunde vernehmen mußte. Sprechen Sie," wandte er sichan Fleischer, „was verlangen Sie noch von mir?"
Der Direktor wies auf seine Nichte. „Du hast ohne Zweifel nach der Wirthschaftzu sehen, Angelika," sagte er, „ich hörte das Zimmer-Mädchen nach Dir fragen."
Schweigend entfernte sich Angelika, der Direktor wartete, bis ihre Schritte verhalltwaren. Dann setzte er ein Schreibzeug auf den Tisch und — ein weißes Blatt Papier niederlegend, sprach er zu Nudolph in fast befehlendem Tone: „Schreiben Sie, ich werdediktirenl"
Der junge Mann fuhr empor, aber ein Blick auf die gebrochene Gestalt seine»Vaters ließ ihn verstummen. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich auf den Sesselniedersinken und ergriff die Feder:
„Hiermit," begann der Direktor zu diktiren, „erkläre ich Endes-Untcrschriebencr,auf meine Ehre, daß mich allein die reinsten Beweggründe leiten, da ich um dieHand meiner nun geliebten Braut Angelika Fleischer anhalte und meine Wahl freivon jedem Zwang oder Egoismus ist. Um Letzteres zu beweisen, um öffentlichdem Ausdruck der Verehrung und innigen Liebe, die ich für Fräulein Angelikaseit langer Zeit empfunden, und der sie nur nach langem Weigern, gerührt durchmeine Verzweiflung, nachgab — erkläre ich ferner: Daß ich jedem Anspruch aufdie Verwaltung des Vermögens meiner zukünftigen Gattin — Angelika Fleischer —entsage und sie im Vollbesitze desselben laste. Sollte sie, was Gott verhüte»möge, mir durch den Tod entrissen werden und keine Kinder vorhanden sein, s«fällt das Capital an die Cousine meiner Gattin, Angelika Fleischer, im anderenFalle bleibt es volles Eigenthum der Letzteren.
Nudolph von Duroy."
Mit zitternder Hand war Nudolph den Worten des Direktors gefolgt; mehrereMale hatte es in ihm gezuckt, die Feder niederzulegen, aber sogleich war er in seiner