Ausgabe 
29 (25.4.1869) 17
 
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Und in der That schien ein Fieber über ihn gekommen zu sein, eine nie an ihmgekannte Leidenschaft trat in Rede und That hervor, seine Blicke schweiften unstät undirrend, und hefteten sich mit glühendem Ausdruck auf die jüngere Angelika.

Welche Qualen seine Braut bei diesem Zustande ihres Verlobten litt, können wirnicht beschreiben. Sie sah die wachsende Leidenschaft des jungen Mannes zu ihrerCousine, aber sie schwieg, und nur Nachts, wenn sie allein war, schüttete sie in brün-stigen, thräncnreichen Gebeten ihr ganzes Herzeleid in den Schooß des Ewigen.

Dagegen schien das junge Mädchen nichts von dem seltsamen Betragen Rudolph'Sgegen sie zu gewahren, ja, geschah es, daß ihre Augen sich einmal begegneten, so geschahdies von ihrer Seite mit einem strengen, abweisenden Ausdruck, der den Baron erröthen ließ.

Das junge Mädchen schien die Einzige zu sein, die Heiterkeit und Licht in ein Hausbrachte, über dessen Bewohner die Traurigkeit einen Schleier geworfen hatte. Selbst derfinstere Direktor ward heiterer gestimmt, wenn er ihre frische, wohlklingende Stimmevernahm. Wenn sie das Clavicr öffnete und muntere Weisen sang, erschien sie so fröh-lich und sorglos, als sei nie ein Gedanke des Leidens in ihr Herz gezogen. Keiner,außer Angelika, die oft in nächtlicher Weile still den Töne» mit bitteren Thränen lauschte,ahnte, daß dieselbe Stimme, wenn Alles zur Nuhc gegangen war, gar traurig durch dieNachtluft drang, und Lieder sang, voller SchnsuchtSschmerz und Herzensweh.

Aber eine geheime Furcht hielt die Braut ab, den Schleier von diesen Entdeckungenzu ziehen. Sie war blind 'mit sehenden Augen, und wie das Qpfer, das keinen Aus-weg sucht, dem sich vor ihm austhürmcndcn Schaffst zu entrinnen, schritt sie bleich undgefaßt ihrem Veihüngniß entgegen.

Noch einmal hatte sie ihren Onkel beschworen, das Band, das sein Wille anein-ander kettete, noch im letzten Augenblick zu lösen, aber der Direktor, der nur in diesemVerlangen eine Schonung der Duroy sah, hatte sie entschieden zurückgewiesen, und einenTag bestimmt, an dem die Trauung stattfinden sollte.

Der Alte muß den Kelch leeren bis auf die letzte Hefe," sagte er bitter.SeineStrafe wird erst von dem Tage an beginnen, da er gezwungen sein wird, Duroy zuverlassen und von der Gnade meiner Nichte zu existiern, oder fern von der Weltseine letzten Tage öde und einsam zu verbringen."

Und glauben Sie, daß sich Baron Leopold nicht an diese Einsamkeit gewöhnenkönne?" fragte Angelika;ja, daß nicht dort einst Zufriedenheit in sein durch Neue undBuße geläutertes Herz einkehre?"

Lehre mich nicht Leopold kennen," rief der Direktor.Eher würde er sich imZuchthaus«: zufrieden geben, denn dort findet er Gesellschaft und braucht sich nicht zu ver-stellen. Und dennoch Hütte ich mich nicht gescheut, den stolzen Edelmann vor die Schrankendes Criminalgcrichts zu ziehen, wäre nicht im tiefsten Winkel des Herzens die Erinnerungan eine frühere glückliche Zeit aufgetaucht, und hätte leise um Erbarmen für den Schul-digen gefleht." Aber kaum unterbrach er sich,ich höre Deinen Nudolph unten, Dumagst ihm selbst den Tag Eurer Vermählung verkündigen, oder soll ich Deiner Cousineden Lusirag geben, wenn sich Dein Zartgefühl dagegen sträubt?"

Ja, Angelika möge ihm Ihren Willen offenbaren," erwiderte seine Nichte,ichhabe nicht die itraft, einem Schuldlosen sein Todcsurtheil darzureichen."

Du setzest Dich selbst herab, indem Du ihm eine so starke Abneigung gegen dieVerbindung mit Dir zuschreibst. Ich gebe Dir mein Wort, daß der Geist, die Güte unddie Anmuth deines Herzens ihn an Dich fesseln, und wenn je eine Liebe in seinemHerzen wohnte, diese ausgelöscht ist, seitdem er sich Deinen Verlobien nennt."

Sie täuschen mich nicht. O, ich kenne das Antlitz Nudolph's besser. Er leidetunsäglich, da sein edler Sinn ihn verhindert, mir jemals die geschworene Treue zubrechen, und mich lieben wird er niemals können, denn mein Anblick wird ihn zujeder Zeit an das Opfer erinnern, das er, seinem Vater brachte."