Ausgabe 
29 (25.4.1869) 17
 
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Wenn Du dies fürchtest/' unterbrach sie der Direktor,warum nahmst Du dennDeine Cousine bei Dir auf? Fürchtest Du nicht, Dich von ihr verdunkelt zu sehen?Ist Dein Verfahren, ein junges blühendes Mädchen täglich vor die Augen eines leiden-schaftlichen Gatten zu bringen, nicht eine mehr oder weniger direkte Mahnung zurUntreue?"

Möge Golt die Zukunft leiten," antwortete das junge Mädchen,mir war's, aksob eine innere Stimme mir befahl, Angclika's Ankunft zu beschleunigen. Sie erschiennur als der gute Genius der Trostlosen, durch sie glaubte ich, müsse Alles, Alles gutwerden. Sie liebt mich, Oheim, und diese Liebe, vereint mit Nudolph'ö Edelmuth,bürgen mir für die Zukunft. Und nun noch eines, mein Oheim! Gestatten Sie mir,von meinem Vermögen Ihre Forderungen an den alten Baron zu decken; lassen Siejenes Kästchen, das den Preis des OpfcrS seines Sohnes enthält, neben dem verhängniß-vollen Wechsel auch die andern Papiere umschließen, nehmen Sie ihm nicht die Stätte,an der sein Herz hängt."

Sein Gut muß mein werden," erwiderte der Direktor.Schon sind die bezüg-lichen Dokumente in meinen Händen. Eure Trauung wird in der dortigen Kapelle voll-zogen, und sobald die Ceremonie beendet, verläßt Baron Leopold die Gegend auf Nimmer»Wiedersehen, vor den Augen der Menschen zwar vor Schande gerettet, aber entehrt vorseinem eigenen Gewissen und entfernt von seinem Sohne, den er liebt. So rächt sichder Fluch einer schändlich Geopferten."

Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn. Auf seinHerein" erschien Angelikaauf der Schwelle. Sie war sehr bleich und eine unterdrückte Aufregung lag in ihrenZügen.

Baron Nudolph ist so eben angelangt," redete sie zu dem Direktor gewandt,erfragt nach seiner Braut."

Gut, daß Du kommst," unterbrach sie der alte Herr.Du magst ihm anzeigen,daß am nächsten Mittwoch seine Trauung mit Deiner Cousine stattfindet. Aus DeinemMunde wird ihm diese Kunde sicherlich wie eine Engelsboischaft tönen."

Wer ich?" rief Angelika zitternd, sich fast vergessend,ich sollteo niemals!"

Der Direktor blickte sie erstaunt an.Was könnte dieser Auftrag für Dich Unan-genehmes enthalten? Sollte man fast meinen, die Eifersucht spräche aus DeinemWeigern!"

Mit fast übermenschlicher Anstrengung bezwäng das junge Mädchen ihre Gefühle.Angelika braucht Nichts zu besorgen," erwiderte sie,denn der Baron ist für mich einzu rrnuriger Liebhaber. Aber wenn mich Ihr Auftrag erschreckte, so geschah es, weil sichmir die Betrach ung aufdrängte, wie verhängnißvoll meine Botschaft sei."

So laß uns hinuntergehen," sagte der Direktor sich erhebend,der Bräutigamharrt gewiß schon mit Ungeduld."

Nudolph saß am geöffneten Flügel, als die Mädchen vom Direktor gefolgt, denSalon betraten, seine Finger flogen stürmisch über die Tasten, als wollten sie die Wogenschildern, die durch seine Seele fluthctcn.

leise trat die jüngere Angelika hinter ihn.Herr Baron von Duroy," flüstertesie,ich bringe Ihnen eine Botschaft, die Sie erfreuen wird."

Nudolph wandle sich um, sein Antlitz war von Thränen überflnthct.

Großer Gott> Sie haben geweint, Nudolph!" rief sie mit dem Ausdruck destiefsten Schmerzes.

Der Ton, mit dem ihre Cousine diese Worte sprach, ließen Angelika herbei eilen.Thränen, mein Freund," flüsterte sie, die Hand des Barons ergreifend, ,o wen bewei-nen Sie in dieser Stunde von uns Dreien?"

Still!" flüsterte das junge Mädchen, auf den Direktor deutend, der eben näher